Einleitung
Die Klimathematik ist ein zentrales Thema in der politischen Debatte, im Besonderen auch in Europa, auch wenn es aktuell durch die Corona-Krise überlagert wird. Die Jugendproteste „Friday for Future“ haben wesentlich dazu beigetragen, Aufmerksamkeit für die Klimafrage zu erzeugen. Das Thema leidet allerdings unter fehlenden überzeugenden Angeboten zur Lösung des Problems. Direkt oder indirekt zielen die meisten Vorschläge auf eine Absenkung des Lebensstandards – gerne verknüpft mit einem Narrativ des „guten Lebens“.
Der vorliegende Text untersucht vor diesem Hintergrund nicht genutzte Chancen in den letzten Jahrzehnten zur Vermeidung der heutigen Probleme. Es gab vor 10, 20, 30 Jahren jeweils umfangreiche politische und wissenschaftliche Debatten bezüglich dessen, was zur Stabilisierung des Klimasystems zu tun wäre und was auch vergleichsweise leicht und zu tragbaren Kosten hätte getan werden können. Wenig durchdachte und vordergründig auf Minimierung der Kooperationskosten zwischen Industrieländern einerseits und Entwicklungs- und Schwellenländern andererseits ausgerichtete Positionierungen, vor allem der reichen Staaten, waren der Grund dafür, dass große Chancen vertan wurden. Diesen verpassten Gelegenheiten geht dieser Text nach, auch mit Blick auf die Frage, was daraus für die Zukunft gelernt werden kann. Zugrunde gelegt werden dazu inhaltliche Positionen, die Gegenstand öffentlicher und politischer Debatten waren, an denen der Autor auch selber beteiligt war.
Natürlich wissen wir heute mehr als damals, z. B. darüber, was im Bereich erneuerbarer Energien oder Nature-based Solutions zu welchen Kosten möglich ist oder auch nicht. Aber auch ohne dieses genauere Wissen hätte man damals leicht und zu vertretbaren Kosten eine viel klügere Politik verfolgen können als die, die gewählt wurde. Einiges, was leicht möglich gewesen wäre, zeigt dieser Text unter Nutzung ausgewählter Daten und relativ überschaubarer mathematisch-ökonomischer Modellierungen auf. Teil I des Textes gibt dazu Hinweise auf die Historie der Klimapolitik in den vergangenen 50 Jahren, Teil II beschreibt Bausteine einer klügeren Klimapolitik, Teil III beschäftigt sich mit Cap and Trade-Systemen, Teil IV behandelt die 3 betrachteten Szenarien aus der Vergangenheit. Das Studium dieser nicht genutzten Optionen erlaubt schließlich auch Hinweise darauf, was jetzt getan werden könnte bzw. aus Sicht des Autors getan werden sollte. Dies ist Gegenstand von Kap. 16, das auch einige Hinweise zur Corona-Pandemie umfasst.
I. Zur Historie der Klimapolitik
1. Klimapolitik seit 1972
Nachhaltigkeit und Klimaschutz betreffen Umwelt- und Entwicklungsprobleme, die mit großen Gerechtigkeitsanliegen verknüpft sind. Die Thematik beschäftigt die Welt seit mehr als 50 Jahren. Es geht dabei um Wohlstand, Macht, Geopolitik, Entwicklung, Gerechtigkeit und viele weiter zentrale Fragen im politischen Bereich. Auf die Probleme hat der Club of Rome seit seiner Gründung in 1968 immer wieder hingewiesen. Diese Themen waren auch schon die entscheidende Schlüsselfrage in der aufsehenerregenden Rede der jungen indischen Ministerpräsidentin Indira Gandhi auf der Weltumweltkonferenz in Stockholm 1972. Diese erste Weltumweltkonferenz scheiterte, weil Indira Gandhi für die ärmeren Länder auf dem Primat der wirtschaftlichen Entwicklung beharrte, der dem Umweltschutz voranzustellen sei.
Die Stockholm Konferenz war insoweit aus Sicht der Initiatoren ein Fehlschlag. Die Welt hat zwei Jahrzehnte lang daran gearbeitet, mit diesem Fehlschlag politisch umzugehen. Die Koppelung von Umweltschutz und Entwicklung auf internationaler Ebene führte schließlich zur internationalen Positionierung des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung auf der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992, 20 Jahre später. Das ist das Thema, das die Weltpolitik seitdem umtreibt – weltweiter Umweltschutz und internationale Gerechtigkeitsfragen bezüglich Entwicklung als gleichzeitige Programme. Im Kern wird Nachhaltigkeit dadurch treffend charakterisiert: weltweiter Umweltschutz und nachholende Entwicklung, auch wenn in der öffentlichen Debatte mittlerweile der Begriff der Nachhaltigkeit in inflationärer Weise sehr kleinteilig für alle möglichen „Wohlfühlanliegen“ in reichen Ländern missbraucht wird – eine massive Verfehlung des Themas! Sieht man Nachhaltigkeit von den beschriebenen Ursprungsanliegen her, sind wir in der Sache nicht wirklich weitergekommen – wegen vielfacher praktischer Schwierigkeiten und der genannten Interessengegensätze. Dies war auch in 2012 wieder der Befund auf der Weltkonferenz Rio+20 zum selben Thema.
Im Jahr 1972 publizierte der Club of Rome den legendären Bericht Grenzen des Wachstums. Und schon damals bemühte sich die internationale Gemeinschaft auf großen internationalen Konferenzen, den Schutz der Umwelt und den Schutz des Klimas auf UN-Ebene als internationale Aufgabe zu verankern. Wie dargestellt, scheiterte dieser Versuch 1972 in Stockholm, weil den sich entwickelnden Ländern – aus nachvollziehbaren Gründen – eine nachholende Entwicklung wichtiger war als der Schutz der Umwelt. Nicht anders als es die entwickelte Welt für lange Zeit vorgelebt hat.
Wie hat Indira Gandhi argumentiert? Sie hat in einer brillanten Rede deutlich gemacht, dass der Wohlstand der reichen Länder auf wenig umwelt- und klimafreundliche Weise entstanden ist. Umwelt- und Klimaschutz kann deshalb aus Sicht der ärmeren Länder auch für diese nicht das Argument sein, um die nach wie vor bestehende, als ungerecht empfundene Aufteilung zwischen armen und reichen Ländern aufrecht zu erhalten.
Diese Problematik, also der verständliche und völlig legitime Wunsch der zurückliegenden Länder, ökonomisch aufzuholen und die gleichzeitige offensichtliche Notwendigkeit, Ressourcen und Klima zu schonen, führten und führen in der internationalen Politik immer wieder zu vagen Formulierungen und Begrifflichkeiten, die nur schwer in konkrete konsensbasierte Maßnahmen eines kollektiven Typs überführbar sind. Diese Vagheit gilt auch für die 1992 bei der UN-Weltkonferenz für »Umweltschutz und Entwicklung« in Rio gefundene Formel der Nachhaltigkeit, die nach der Definition der Brundtland-Kommission wie folgt lautet:
»Nachhaltig ist eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen«
Was heißt das alles nun fürs Klima und die internationale Debatte zum Thema? Eine erste „Weltklimakonferenz“ unter dem Dach der UN (WCC-1) fand 1979 in Genf statt und wurde von der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) organisiert. Hier berieten Experten von Organisationen der Vereinten Nationen (UN) über die Möglichkeiten der Eindämmung der durch den Menschen verursachten schädlichen Klimaveränderungen. Im selben Jahr erfolgte die Gründung des Weltklimaprogramms (WCP – World Climate Programme).
Es folgte die Weltklimakonferenz 1988 in Toronto und die 1990 erneut in Genf tagende zweite Weltklimakonferenz (WCC-2). Die Toronto-Konferenz fand kurz nach Veröffentlichung des Brundtland-Berichtes (1987) statt und war stark beeinflusst von der Idee der nachhaltigen Entwicklung. Ergebnis der Konferenz waren die Toronto-Ziele, zu denen die Forderung einer Minderung der Treibhausgasemissionen um 20 % bis 2005 und 50 % bis zum Jahr 2050, gegenüber den Werten von 1988, gehörte. Die Vorstellungen bezüglich 2005 wurden nie umgesetzt. Dies hätten auch die unten diskutierten Szenarien nicht geleistet. Das 2050-Ziel wird durch alle Szenarien und auch durch den Vorschlag für ein aktuelles Politikprogramm erreicht.
Teil der WCC-2 war ein Review des ersten Sachstandsberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), das die Gründung der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen mit vorbereitete und seitdem mit seinen regelmäßigen Berichten die Klimadebatte wesentlich prägt. Im Jahr 1992 wurde dann auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro die Klimarahmenkonvention vereinbart. Seit 1995 finden als Institution der Klimarahmenkonvention die UN-Weltklimakonferenzen (Conference of Parties/COP) jährlich an wechselnden Orten statt, erster Tagungsort 1995 war Berlin.
Bezugspunkt aller internationalen Verhandlungen zu einem Weltklimaabkommen ist seit 1992 die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen mit ihrer immer wieder zitierten Formel einer spezifischen Arbeitsteilung zwischen den reichen Staaten und den sich entwickelnden Ländern: »gemeinsame, aber je unterschiedliche Verantwortungen«. Zu den Grundsätzen dieses Vertrages gehören u. a. die folgenden:
- Die Vertragsparteien sollen auf der Grundlage der Gerechtigkeit und entsprechend ihren gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und ihren jeweiligen Fähigkeiten das Klimasystem zum Wohl heutiger und künftiger Generationen schützen. Folglich sollen die Vertragsparteien, die entwickelte Länder sind, bei der Bekämpfung der Klimaänderungen und ihrer nachteiligen Auswirkungen die Führung übernehmen.
- Die speziellen Bedürfnisse und besonderen Gegebenheiten der Vertragsparteien, die Entwicklungsländer sind, vor allem derjenigen, die besonders anfällig für die nachteiligen Auswirkungen der Klimaänderungen sind, sowie derjenigen Vertragsparteien, vor allem unter den Entwicklungsländern, die nach dem Übereinkommen eine unverhältnismäßige oder ungewöhnliche Last zu tragen hätten, sollen voll berücksichtigt werden.
Zur Fortentwicklung der internationalen Debatte gehört für den Zeitraum 2000–2015 das Programm der Millenniumsentwicklungsziele (MDGs), für den Zeitraum 2015–2030 das Programm der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (SDGs), auch als Agenda 2030 bezeichnet. Dies sind jeweils sehr anspruchsvolle Zielsetzungen, die sich allerdings teilweise widersprechen. Wie beim Klimathema dominieren auch hier große Pläne, gepaart mit nur geringer Umsetzkraft. Denn alle diese Pläne sind ihrem Charakter nach rechtlich nicht verbindlich, ohne direkten Verantwortlichen und meist auch ohne Budget. Verbindliche Pläne gibt es nicht, denn da würden die Staaten nicht zustimmen.
Der vorliegende Text nimmt 1990 als Referenzdatum für Szenario 1. Im Vorfeld wären die oben genannten Klimakonferenzen von Toronto (1988) und Genf (1990) gute Gelegenheiten gewesen, um spätestens 1992, als die Weltklimakonvention beschlossen wurde, gleich „Nägel mit Köpfen“ zu machen. Das wäre kluge Politik gewesen. Wir diskutieren sie als Szenario 1 (1990).
2. Der Kyoto-Vertrag: Das Highlight
Der Versuch einer Umsetzung der Klimarahmenkonvention und der Umgang mit der strukturellen Differenz zwischen Industrie- und Entwicklungsländern führten zu dem im Jahre 1997 beschlossenen und in 2005 in Kraft getretenen Kyoto-Vertrag. Aus Sicht des Autors ist dies das bisher klügste Stück internationaler Klimapolitik, ein Highlight, das viel Hoffnung erzeugte. Dieser Vertrag brachte eine erste Präzisierung der sehr allgemeinen Rio-Formel. Unterschieden wurde zwischen Industriestaaten und den übrigen Staaten. Grob gesprochen mussten Industriestaaten Emissionen in einem vereinbarten, als Teil des Abkommens ausgehandelten, je spezifischen Umfang reduzieren, die übrigen Länder über die eigene Situation berichten. Zwischen beiden Gruppen wurde mit dem klugen Instrument des Clean Development Mechanism (CDM) eine operationale Verbindung mit dem Ziel gemeinsamer Aktivitäten zum Klimaschutz zum Vorteil aller Beteiligten hergestellt. Im Rahmen von Genehmigungs- und Zertifizierungsprozessen in Verantwortung der Vereinten Nationen konnten Unternehmen aus den Industrieländern in diesem Rahmen in klimafreundliche Projekte in den übrigen Staaten investieren und erhielten dafür Gutschriften in Höhe „eingesparter“ Tonnen CO2, die sie in einem gewissen Umfang dazu verwenden konnten, Reduktions- oder Nachweispflichten bezüglich eigener CO2-Emissionen in ihren jeweiligen Sitzstaaten entsprechend abzusenken.
Der Kyoto-Vertrag beinhaltete Sanktionsmechanismen. Die Umsetzung in einzelnen Staaten, vor allem in Europa, griff teilweise auf Cap and Trade-Lösungen zurück. Der Kyoto-Vertrag war in den Folgejahren für die laufenden Klimaverhandlungen die gedankliche Richtschnur für die Etablierung eines globalen Cap and Trade-Systems. Dieser Versuch ist dann 2009 in Kopenhagen endgültig gescheitert.
Was besagt das Kyoto-Protokoll? Die im Anhang B des Kyoto-Protokolls aufgelisteten Industriestaaten verpflichteten sich, ihre Treibhausgasemissionen in der ersten Verpflichtungsperiode, dem Zeitraum von 2008 bis 2012, um durchschnittlich 5,2 % unter das Niveau des Basisjahres zu senken. Das Basisjahr war dabei in der Regel das Jahr 1990. Die Vorgaben für einzelne Länder hingen vor allem von ihrer wirtschaftlichen Entwicklung ab. Für die 15 Staaten, die zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls Mitglied der Europäischen Union (EU-15) waren, war eine Senkung der Emissionen um insgesamt 8 % vorgesehen. Nach dem Prinzip der Lastenteilung (burden sharing) teilten diese 15 EU-Mitgliedsstaaten das durchschnittliche Reduktionsziel untereinander auf. Dabei verpflichtete sich Deutschland beispielsweise zu einer Verringerung um 21 %, Großbritannien zu einer um 12,5 %, Frankreich zu einer Stabilisierung auf dem Niveau von 1990 und Spanien dazu, sein Emissionswachstum auf 15 % zu begrenzen. Der erlaubte begrenzte Zuwachs für Spanien reflektiert unterschiedliche Entwicklungsansprüche, die akzeptiert wurden, nicht anders als dies heute im internationalen Kontext diskutiert wird. Deutschland konnte seine hohen Zusagen vor allem deshalb eingehen und erfüllen, weil aufgrund der deutschen Gesetze und Regelungen mit der Wiedervereinigung ohnehin ein großer Veränderungsprozess in den neuen Bundesländern erfolgen musste, der erhebliche Absenkungen der CO2-Emissionen gegenüber den Verhältnissen zu DDR-Zeiten beinhaltete.
Die Gruppe »Volkswirtschaften im Übergang« (economies in transition) bezeichnet die ehemals sozialistischen Staaten beziehungsweise deren Nachfolgestaaten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Diese Staaten verpflichteten sich entweder, wie im Falle Russlands und der Ukraine, dazu, das Emissionsniveau der Basisjahre nicht zu überschreiten, oder beschlossen, wie Tschechien und Rumänien, eine Reduktion um bis zu 8 %. Aufgrund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs in diesen Ländern nach 1990 waren diese Transformationsländer auch zu Beginn der ersten Verpflichtungsperiode noch weit von dem Emissionsniveau des Basisjahres entfernt.
Für Schwellenländer wie die Volksrepublik China, Indien und Brasilien sowie für alle Entwicklungsländer waren aufgrund ihrer (damaligen) geringen Pro-Kopf-Emissionen und im Einklang mit den Bestimmungen der Klimarahmenkonvention zu »gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten« keine Beschränkungen vorgesehen. Etwas anderes wäre auch in den Verhandlungen zum Kyoto-Vertrag nicht durchsetzbar gewesen, bei dem ja auf Konsensbasis verhandelt wurde. Malta und Zypern waren nicht im Anhang B des Kyoto-Protokolls aufgeführt und waren also ebenfalls nicht zu Emissionsreduktionen verpflichtet.
Die beschlossenen Reduktionsziele ernteten umgehend Kritik. Insbesondere Umweltschützern gingen die Reduktionsziele des Protokolls nicht weit genug. Vertreter der Wirtschaft befürchteten dagegen hohe Kosten durch die Umsetzung des Protokolls.
Zusammenfassend kann man die Logik hinter dem Kyoto-Kompromiss wie folgt formulieren: Industrieländer senken ihre Emissionen (in vereinbartem Umfang) absolut ab, alle anderen Länder sind aufgerufen, ihre Emissionen zu dokumentieren. Der Kyoto-Vertrag lief im Jahr 2012 aus. Bis zu diesem Zeitpunkt sollte eigentlich ein tragfähigen Weltklimaregime ausverhandelt sein – was dann in der Folge des Scheiterns der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen (2009) nicht gelungen ist. Die am Kyoto-Vertrag beteiligten Staaten haben sich deshalb auf der UN-Klimakonferenz in Doha im selben Jahr für eine Fortsetzung des Vertrages (also für eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls) bis 2020 entschieden. In diesem Kontext sind Russland, Kanada, Japan und Australien aus dem Vertrag ausgestiegen, mit Zypern, Malta, Weißrussland und Kasachstan kamen vier neue Staaten hinzu.
Interessant ist, wie Europa das Kyoto-Protokoll umgesetzt hat. Für die Hälfte der EU-Ökonomie (aus Klimasicht) wurde dazu ein Cap and Trade-System etabliert. Ein (aus Klimasicht) substanzieller Teil der europäischen Ökonomie (Energiesektor, Raffinerien, Eisen- und Stahlindustrie, chemische Industrie, Nichteisenmetalle, Papier und Zellstoff, sonstige Verbrennung und die mineralverarbeitende Industrie mit Zementwerken, Kalkherstellung, Glasherstellung, Keramikindustrie und Herstellung von Glas und Mineralfasern) arbeitet zurzeit unter einem Zertifikatssystem, dem EU ETS-System, bei dem der Besitz der Zertifikate Voraussetzung dafür ist, Emissionen tätigen zu dürfen. Die Menge der Zertifikate ist begrenzt. Die Zertifikate werden teilweise jährlich (kostenfrei) zugeteilt – dies mit abnehmender Tendenz – und teilweise in mehrjährigen Handelsperioden versteigert. Sie bleiben unter den Interessenten handelbar. Teilweise konnten beziehungsweise können auch Gutschriften aus internationalen Programmen (Clean Development Mechanism der UN und Joint Implementation Programme) genutzt werden. Die Anzahl der Zertifikate wird in der EU entsprechend der Emissionsreduktionsziele der EU kontinuierlich zurückgefahren. Es gibt jährliche Reduktionen von etwa 1,3 %. Für die andere Hälfte der EU-Ökonomie gibt es heute erste Überlegungen, in Richtung einer Carbon Tax zu gehen.
Aus Sicht des vorliegenden Textes gab es um das Jahr 2000 herum die Chance, ein globales Cap and Trade-System zu etablieren. 1997 wurde das Kyoto-Protokoll beschlossen. Die EU etablierte ihr ETS, also das europäische Cap and Trade-System, das erste grenzüberschreitende und weltweit größte Emissionshandelssystem im Jahr 2005. Das System wurde nach langen Vorarbeiten in 2003 vom Europäischen Parlament der EU und dem Rat der EU beschlossen. Das Jahr 2000 mit seiner „Magie“ war bei all diesen Entwicklungen ein Schlüsseljahr. Das wäre ein guter Termin für eine weltweite Vereinbarung gewesen. Der Autor war beteiligt, als das Thema in der beschriebenen Logik im Information Society Forum (ISF) der EU diskutiert wurde, ebenso beim Club of Rome, ebenso bei den Diskussionen zur Vorbereitung der Expo 2000. Wir diskutieren dies im Kontext von Szenario 2 (2000).
3. Kopenhagen (2009)
Wie ging es nach Kyoto weiter? Viele Verhandlungen, wenig Fortschritt. Dazu eine intensive, von interessierten Kreisen (vor allem auch in den USA) betriebene Kampagne der Leugnung der Klimarisiken mit unterschiedlichen Facetten. Gleichzeitig ein siegestrunkener Jubel über die Potentiale des freien Marktes, der nach Fall der Mauer 1989, der Wiedervereinigung 1990 und nachfolgend der Auflösung des Warschauer Paktes 1991 als „Systemsieger“ gefeiert wurde, dies verbunden mit dem Tenor, dass der Markt schon alle Probleme lösen werde.
Weiterhin eine zunehmende Verschiebung der Debatte von Verhinderung des Klimawandels (mitigation) in Richtung »Anpassung« an erfolgte und erfolgende Veränderungen infolge des Klimawandels (adaption). Schon früh wurde von Beobachtern der Prozesse, auch unter Mitwirkung des Autors, davor gewarnt, dass wir uns irgendwann, wenn wir nicht entschlossen handeln und die Entwicklung voranschreitet, primär nur noch mit Anpassungsfragen würden beschäftigen müssen. Zwischenzeitlich gewinnt das Thema immer stärker an Bedeutung.
Ein kritischer Zeitpunkt war das Jahr 2010. Die Verhandlungen der Weltgemeinschaft waren auf ein globales Abkommen gerichtet, dass 2012 in Kraft sein sollte. Der Kyoto-Vertrag gab die Richtung vor. Ein Schlüsselmoment war die Weltklimakonferenz in Kopenhagen in 2009. Vor Kopenhagen wurde von Seiten internationaler Akteure der Politik und internationaler Nichtregierungsorganisationen deshalb ein großer Druck aufgebaut, endlich zu einer Einigung zu kommen. Gerade auch das vorgesehene Auslaufen des Kyoto-Vertrags in 2012 wirkte in diese Richtung. Der Kopenhagen-Gipfel war insofern als Termin der Entscheidung positioniert.
Es wurde dann aber während der Verhandlungen auf dem Gipfel rasch klar, dass die Vorstellungen der Akteure viel zu sehr differierten. Der Verhandlungsprozess saß fest. Es gab keinen sinnvollen Weg mehr nach vorne. Dies lag auch daran, dass sich als Folge der jahrelangen Uneinigkeit das Klimaproblem mittlerweile deutlich verschärft hatte. Mittlerweile hätte nämlich das CAP schon sehr strikt sein müssen, um das 2 °C-Ziel noch zu erreichen (vgl. hierzu Szenario 3). Die Folgen dieser »Enge« wollten die meisten Staaten nicht mittragen, egal, wie der Verteilungsmechanismus für zulässige Emissionen im Einzelnen aussah. Eine gern genutzte Strategie bestand in dieser Lage dann in der Konsensverweigerung bei der Festlegung des CAP und seiner Entwicklung über die kommenden Jahre beziehungsweise auch schon bezüglich der Akzeptanz des 2 °C-Ziels, das ebenfalls bereits damals diskutiert wurde. Ohne CAP beziehungsweise ohne 2 °C-Ziel stellt sich dann erst gar nicht die schwierige Verteilungsfrage für die Emissionsrechte.
Aus Sicht des Autors wäre bei einer klügeren Verhandlungsposition der wohlhabenden Länder ein Cap and Trade-System wahrscheinlich möglich gewesen, wenn man sich konsequent an der Verhandlungslogik für das am Montrealer Protokoll zur Stabilisierung der Ozonschicht der Erde orientiert hätte. Das hätte bedeutet, dass man die sich entwickelnden Länder dafür gewinnt, ihre CO2-Emissionen trotz weiterem Wohlstandsaufbau nicht mehr wesentlich zu erhöhen, man aber in der reichen Welt im Gegenzug bereit gewesen wäre, die daraus resultierenden Mehrkosten, vor allem im Übergang zu erneuerbaren Energien, zu tragen. Alternativ und als Minimum hätte man Klimagerechtigkeit in dem Sinne anbieten müssen, dass in weltweiter Betrachtung jeder Mensch dieselben CO2-Emissionsrechte bekommt, dass man ein jährliches CAP fixiert und dass man dieses kontinuierlich absenkt, und zwar so, dass dies mit dem 2 °C-Ziel kompatibel ist. Man hätte daraus eine jährliche Zuordnung von Emissionsrechten zu Staaten abgeleitet und dabei auch die jeweils wachsenden Bevölkerungsgrößen in die Zuteilungslogik einbezogen. Der große Teil der Emissionsrechte hätte damit bei den sich entwickelnden Ländern gelegen. Und der Anteil wäre wegen der Bevölkerungsentwicklung auch noch dauernd gewachsen (vgl. hierzu Kap. 11 und 12). Die Industrieländer hätten einerseits ihre Emissionen stark absenken und andererseits in großem Umfang Emissionsrechte in den Ländern des Südens kaufen müssen, die Nichtindustrieländer hätten viele Rechte verkaufen und damit hohe Geldzuflüsse zu sich generieren können.
Um diese Konstruktion herum hätte man vielleicht einen »Deal« erreichen können. Aber die reichen Länder waren nicht bereit, sich darauf einzulassen, allen voran die USA lehnten diesen Gedanken vehement ab. Es begann dann ein jahrelanges »kleinliches Schachern« um einen Vertrag anderen Typs, der für die Industrieländer deutlich billiger sein sollte. Das war aber von vornherein aussichtslos aus den beschriebenen Gründen: Blindleistung.
Die Schlüsselverhandlungen in Kopenhagen in 2009 waren, wie angedeutet, zäh. Dennoch wäre mit Blick auf das Jahr 2010 eine gute Lösung vielleicht immer noch möglich gewesen. Dazu hätten die reichen Länder aber sehr gute Angebote machen müssen, vor allem auch gegenüber China. Wir diskutieren den Themenkomplex als Szenario 3 (2010).
Letztlich sind alle diese Versuche gescheitert. Der US-Präsident und der chinesische Premier haben in den Kopenhagen-Verhandlungen 2009 den gordischen Knoten der dauernden Blockaden durchschlagen, um den Preis der Aufgabe einer stringenten Lösung für ein weltweites Klimaregime. Warum haben sie so gehandelt? Aus Sicht des Autors fürchtete die USA mit ihren hohen Pro-Kopf-Emissionen wohl, dass sie viel Geld für den Kauf von Emissionsrechten würden ausgeben müssen. In den USA wurde diese Perspektive als Sozialismus schlecht geredet. Angesichts der Finanzkrise von 2009, deren Folgen verarbeitet werden mussten, waren derartige (freiwillige) Zahlungsverpflichtungen der USA völlig unakzeptabel. Die chinesische Haltung ist vielleicht noch wichtiger. Wir diskutieren in Kap. 13, dass in China zwischen 2000 und 2010 die CO2-Emissionen als Folge der hohen chinesischen Wirtschaftswachstumsraten massiv angestiegen sind. China wurde zur „Fabrik“ der Welt, China leistete im Rahmen der MDGs (Millenniumsentwicklungsziele 2000-2015) den größten Beitrag zur Überwindung der Armut, in dem viele hundert Millionen Chinesen in international vernetzte Wertschöpfungsprozesse integriert wurden. Ende des Jahrzehnts spielte China auch eine entscheidende Rolle, um die Weltwirtschaft wieder flott zu machen, die massiv unter der Weltfinanzkrise in 2009 litt. Für die chinesische Führung dürfte klar geworden sein, dass selbst ein Cap and Trade-System auf Basis von Klimagerechtigkeit für China teuer werden würde. China war wahrscheinlich der Akteur, der jede solche Lösung abgelehnt hätte. China konnte sich aber gut hinter den USA verstecken. Man hätte 2010 wohl China schon sehr großzügig entgegenkommen müssen, um vielleicht noch einen „Deal“ zu erreichen. Aber gerade dazu waren die USA nicht bereit. Auch die Europäer haben sich nie deutlich für eine Lösung auf Basis Klimagerechtigkeit oder gar eine für China noch bessere Aufteilungslogik zukünftiger Emissionsrechte ausgesprochen, dafür aber z. B. die indische Führung.
Den »gordischen Knoten« haben dann also in Kopenhagen die beiden Großen im Klimathema, USA und China, durchschlagen: Die Verhandlungen zu einem verbindlichen Cap and Trade-System in Verbindung mit dem 2 °C-Ziel wurden aufgegeben, ein ganz großer Fehler. Stattdessen wurde eine neue Zielsetzung vereinbart: ein Vertrag auf Basis individueller, freiwilliger, nicht aufeinander bezogener und rechtlich nicht sanktionierter Versprechungen (Pledges) der Staaten. Klar war, dass ein solcher Vertrag das Klimaproblem nicht würde lösen können. Aber mehr war nicht erreichbar.
Der Autor hat dies im Rahmen von Forschungsarbeiten am FAW/n schon 2010 und in den Folgejahren aufgezeigt und publiziert und dabei auch die späteren Ergebnisse von Paris bezüglich der freiwilligen Zusagen und der völlig ungenügenden Zielerreichung weitgehend vorweggenommen. Viele kritische Beobachter und viele NGOs waren damals berechtigterweise sehr unzufrieden mit der Entwicklung und später auch mit dem Paris-Vertrag. Dann kam aber ein Umschwung. Gemäß „Prinzip Hoffnung“ wurde Paris in einen großen Erfolg umgedeutet, auch wenn die Staaten neben großartigen Zielen materiell nur sehr wenig zugesagt hatten. Die neue Strategie bestand nun darin, so zu tun, als könnte man das formulierte Ziel als Ersatz für bindende Handlungszusagen verwenden. Dieses Narrativ dominiert mittlerweile die Debatte. Mit der Realität hat es leider nur wenig zu tun. Noch deutlicher: während Umwelt – und Klimaschützer die Politik, aber z. B. auch Unternehmen, Finanzinstitute etc., ständig daran erinnern, was sie (angeblich) in Paris versprochen haben, steigen die weltweiten Klimagasemissionen weiter. Weil sich die entsprechenden ökonomischen Prozesse, die das Klima belasten, unter den heutigen Weltmarktbedingungen oft rechnen und insofern attraktiver sind als klimafreundliche Lösungen. Es müsste also die Regulierung in den (Welt-)Märkten geändert werden, aber darüber gibt es in international eben keinen Konsens. Statt Erfolge bei der Regulierung nun alternativ von Finanzinstituten und Investoren zu erwarten, dass sie ihr Geld nicht da anlegen, wo es sich rechnet und es stattdessen da anzulegen, wo es sich nicht rechnet, ist irgendwie weltfremd. Ein Management, das so handelt, macht sich gegenüber seinen Eigentümern sogar strafbar.
In Kopenhagen wurde also 2009 der »gordische Knoten« durchschlagen, und zwar in Form des beschriebenen, viel bescheideneren Zugangs. Freiwillige Zusagen (Intended Nationally Determined Contributions) kann jede Regierung machen, da die Zusagen sehr bescheiden sein dürfen. Jede Regierung kann ihre Zusage dann aber auch vor ihren Wählern verantworten. Und realistischer Weise kann eine Regierung ohnehin nichts versprechen, was sie mit Blick auf die Bedürfnisse beziehungsweise Gerechtigkeitsvorstellungen des eigenen Landes beziehungsweise der eigenen Bevölkerung als nicht verantwortbar beziehungsweise als nicht vermittelbar ansieht. Dabei muss jede Regierung alleine schon deshalb vorsichtig sein, weil niemand weiß, was die Zukunft bringen wird. Und die Energiefrage, die, wie in Kap. 4 ausgeführt wird, aufs Engste mit der Klimafrage verknüpft ist, ist ein so zentrales Thema für Wohlstand, Entwicklung und Sicherheit, dass keine Regierung »ins Blaue hinein« Zusagen abgeben kann, die später die eigene Handlungsfähigkeit einschränken könnten.
Dieses Erfordernis wird dann noch einmal verschärft durch die Tatsache, dass Zusagen auch noch in wirtschaftlicher Konkurrenz der Staaten zueinander und in Form einer Interessensabwägung erreicht werden müssen. Das ist die spieltheoretische Seite des Themas. Man muss vorsichtig sein, dem eigenen Land Handlungseinschränkungen zuzumuten, die andere Länder nicht in ähnlicher Weise auf sich zu nehmen bereit sind – schon aus Gründen der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit, aber auch wegen der politischen Kommunizierbarkeit im eigenen Land. Diese Prisoner’s Dilemma-Probleme erschweren die Verhandlungen extrem.
Demgegenüber wird mit der Kopenhagen Formel wenig gefordert. In der Tendenz ist einzig anzustreben, dass die Industrieländer ihre Emissionen absolut absenken, die Nichtindustrieländer plausible Maßnahmenpakete vorlegen, wobei diese – unausgesprochen – zumindest zu relativen Absenkungen von CO2-Emissionen im Vergleich zu ihrem zukünftigen Wirtschaftswachstum führen sollten. Dabei ist dann noch zu klären, wer Industrieland ist und wer nicht. China legt in diesem Kontext immer großen Wert darauf, dass es nicht zu den Industrieländern zählt, obwohl es mittlerweile die »Produktionsmaschine« für die ganze Welt ist. Die Pro-Kopf-CO2-Emissionen in China lagen in der Folge schon 2015 mit etwa 7,5 Tonnen CO2 pro Kopf weit oberhalb derjenigen von Frankreich mit etwa 5 Tonnen pro Kopf, auch oberhalb der durchschnittlichen CO2-Emissionen in Europa (6,8 Tonnen).
Schaut man nun einige Jahrzehnte zurück, dann ist wichtig, dass fast alle in die Debatte eingebundenen Kräfte sich über Jahrzehnte mit der Option Cap and Trade-System beschäftigt haben. Aus mathematisch-ökonomischer Sicht ist das der beste Ansatz, sofern er weltweit durchgesetzt werden kann. Deshalb wird dieser Ansatz auch in den Szenarien 1990, 2000 und 2010 in diesem Text zugrunde gelegt, ebenso in der Empfehlung für das weitere Vorgehen in der jetzigen Lage.
4. Der Weg nach Paris
Was folgte auf Kopenhagen? Seit Kopenhagen wird in der internationalen Klimapolitik ein völlig neuer Denkrahmen zugrunde gelegt. Dieser hat nicht mehr das Ziel, über den Vertrag das 2 °C-Ziel (oder sogar das 1,5 °C-Ziel) verbindlich durchzusetzen. Der Ansatz ist deutlich bescheidener. Zugrunde gelegt wurden, wie oben erwähnt, nicht aufeinander bezogene Zusagen der einzelnen Länder, sogenannte Nationally Determined Contributions (NDCs). Diese Zusagen sind freiwillig. Sie sind nicht sanktioniert. Aus dem Vertrag kann man wieder aussteigen (siehe USA). Und selbst, wenn alle Zusagen erfüllt werden, reicht das bei weitem nicht aus für das 2 °C-Ziel (noch viel weniger für das 1,5 °C-Ziel), das aber (angeblich) von allen angestrebt wird.
Die Transferkosten sind zwischen Nord und Süd über den beschlossenen Klimafinanzausgleich auf zunächst 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr gedeckelt – eigentlich viel zu wenig. Dabei ist nach wie vor unklar, um welche Art von Finanzmitteln es sich handeln soll und wie die Mittel aufgebracht werden sollen. Dies ist umso unklarer, als die USA gerade aus dem Vertrag aussteigen. Insgesamt konnte so aber der Vertragsabschluss von Paris als Konsensergebnis erreicht werden. Dieser Vertrag löst nun allerdings das Problem der Erreichung des 2 °C-Ziels nicht. Das will aber wieder niemand so deutlich sagen. Mehr war andererseits in Paris einfach nicht möglich. Der Autor hat schon bald nach 2010 in verschiedenen Publikationen artikuliert, dass es nach dem Scheitern von Kopenhagen wohl auf eine Lösung à la Paris hinauslaufen würde. Dabei ging es damals allerdings nur um das 2 °C-Ziel. Den Kontext zeigt die im Originaltext enthaltene Grafik (FAW-Referenzgrafik), die verschiedene Emissionspfade und Restbudgets bis 2050 gegenüberstellt.
Was sagt die Grafik aus? Sie schätzt für 2015 die CO2-Emissionen im Energiesektor auf ungefähr 35 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr. Betrachtet werden weitere Entwicklungspfade bis 2050. Für den Nicht-Vertragsfall (rote Linie) wird für 2050 ein jährliches Emissionsniveau von etwa 65 Milliarden Tonnen CO2 postuliert. Die geschätzten Gesamtemissionen ab 2015 bis zu diesem Zeitpunkt liegen bei 1.600 Milliarden Tonnen CO2. Erwartet wurde eine Einigung vom Paris-Typ (inklusive späterer Fortschreibung), wie sie mittlerweile erfolgt ist. Geschätzt wurde hierfür ein Verlauf gemäß der schwarzen Kurve – eine Verbesserung um 400 Milliarden Tonnen CO2 bis 2050. Die tiefer unten verlaufende grüne Kurve ist die 2 °C-Kurve. Dort müsste man hin, wenn das 2 °C-Ziel eingehalten werden soll. Unterhalb dieser Kurve liegen noch 600 Milliarden Tonnen CO2. Die 600 entspricht der WBGU-Budgestriktion für das 2 °C-Ziel (Eintrittswahrscheinlichkeit 66 %). Für das 1,5 °C-Ziel beträgt das Restbudget 450 Milliarden Tonnen CO2. Rechnerisch von 2020 an beträgt das Restbudget für das 2 °C-Ziel noch etwa 450 (600−150) Milliarden Tonnen bis 2050, für das 1,5 °C-Ziel noch 300 (450−150) Milliarden Tonnen. Zusätzlich einzusparen sind damit aus damaliger Sicht 500 Milliarden bis 2050 (aktuelle Schätzung des Autors 600 Milliarden Tonnen). Dieses Volumen wird in Publikationen des Autors auch als Paris-Lücke bezeichnet. Um diese Lücke zu schließen und damit das 2 °C-Ziel zu erreichen, sind aus heutiger Sicht mindestens zusätzliche 500 Milliarden Euro pro Jahr erforderlich (aktuelle Schätzung 600 Milliarden Euro). Das sind Summen, die die Staatenwelt nach allen Erfahrungen mit Entwicklungszusammenarbeit (Gesamtvolumen etwa 150 Milliarden US-Dollar pro Jahr) nicht bewältigen kann. Deshalb ist der Privatsektor massiv gefordert.
Dies ist auch das Thema der durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in 2018 ins Leben gerufenen Allianz für Entwicklung und Klima (www.allianz-entwicklung-klima.de). Die Anforderungen verschärfen sich, wenn man von dem 2 °C-Ziel zu dem in Paris formulierten, noch ambitionierten 1,5 °C-Ziel übergeht. Die Ambitionslücke erhöht sich von 500 (bzw. 600) Milliarden Tonnen CO2-Einsparungserfordernis auf 650 (bzw. 750) Milliarden Tonnen. Die Kosten pro Jahr erhöhen sich von 500 Milliarden Euro (jetzt 600 Milliarden Euro) pro Jahr auf geschätzt 750 Milliarden (850 Milliarden) Euro pro Jahr. Dass die Kosten so enorm zunehmen, hängt mit der sich verändernden Grenzelastizität beim Übergang vom 2 °C-Ziel zum 1,5 °C-Ziel zusammen. Jede weitere Tonne Einsparung kostet mehr als die vorangegangene.
Die Logik des Paris-Vertrags ist bei aller Kritik an der Qualität des Vertrags ein Fortschritt gegenüber der Grundlogik von Rio und der Präzisierung dieser Logik im Kyoto-Vertrag und erwies sich wohl auch deshalb als konsensfähig. Das zeigt sich in der hohen Zustimmung zum Vertragsvorschlag von Paris. Die Logik besagt im Wesentlichen: Industrieländer senken ihre Emissionen absolut, Nichtindustrieländer relativ zu ihrem Wirtschaftswachstum ab. Dabei sind sie in der Festlegung der Reduktionsumfänge frei. Außerdem sind diese rechtlich nicht bindend. All dies unter den Bedingungen eines internationalen Klimafinanzausgleichs. Die Aussage bezüglich des Verpflichtungscharakters der Nichtindustrieländer auf zumindest relative Absenkung ist hier allerdings stark vereinfacht. Die Wirklichkeit ist komplizierter, aber in der Tendenz zutreffend beschrieben.
Zusagen der Staaten im Rahmen des Pariser Abkommens sind, wie schon aufgeführt, bezüglich des Umfangs freiwillig, sogenannte NDCs/Nationally Determined Contributions. Diese sind bei Entwicklungs- und Schwellenländern oft konditioniert an Finanzzuflüsse aus den reichen Ländern. Sie werden, wie schon angedeutet, konsequenterweise begleitet durch einen geplanten und im Volumen erheblichen – dennoch für die Größe der Aufgabe ungenügenden – Klimafinanzausgleich von über 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr ab 2020. Dies ist ein zentrales Element der Paris-Logik, aber leider nicht verpflichtend im Paris-Vertrag verankert. Es ist eher eine Absichtserklärung, mehr war nicht erreichbar. Wie so oft bei internationalen Zusagen dieses Typs muss man befürchten, dass die Umsetzung nicht voll umfänglich erfolgen wird, vielleicht nicht einmal zu 50 %. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass die Paris-Zusagen der Staaten rechtlich nicht verbindlich sind, es sei denn, die Zusagen wurden, wie zwischenzeitlich z. B. in der Europäischen Union, in geltendes Recht überführt. Aus dem Abkommen kann man auch problemlos wieder austreten. Das exerzieren gerade die USA vor.
In der Sache, also bei der Finanzierung des Klimafinanzausgleichs, ist von »Tricks« dringend abzuraten. Das Thema ist dafür viel zu wichtig und die versprochenen Finanzmittel sind in der Sache ohnehin zu gering. Weil viele »Empfängerländer«, nach früheren Erfahrungen mit zugesagten – aber nie zur Verfügung gestellten – Geldmitteln der Industriestaaten, ihre freiwilligen Zusagen an entsprechende Transfers gekoppelt haben (konditionierte Zusagen), kommt ansonsten das ganze Begrenzungsthema für die weltweiten CO2-Emissionen in Gefahr.
Wichtig für die Einschätzung der Situation ist auch folgendes: Die 100 Milliarden US-Dollar Klimafinanzausgleich jährlich dürfen nicht als großzügige »Spende« interpretiert werden. Sie sind vielmehr, spieltheoretisch betrachtet, Voraussetzung für den Paris-Vertrag. Zugleich wird so auch für die weit überproportionale Nutzung beziehungsweise Aneignung der Atmosphäre, also eines Weltgemeinguts (Global Common), durch die reichen Länder bezahlt, die die Atmosphäre schon immer als „Klimagasdeponie“ zum Nulltarif benutzen. Die 100 Milliarden US-Dollar sind insofern eine Art Gebühr, keine Spende, erst recht keine Entwicklungshilfe (ODA). Die reichen Länder sollten die Mittel ohne »Wenn« und »Aber« aufbringen und ab 2025 über substanzielle Erhöhungen nachdenken. Verrechnungen mit ODA-Mitteln müssen unbedingt vermieden werden. Wobei allerdings der angekündigte Austritt der USA aus dem Vertrag die ohnehin nicht gute Perspektive zur Aufbringung der Mittel weiter verschlechtert hat. Man beachte dennoch den substanziellen Fortschritt in der Präzisierung und Ausdifferenzierung der Idee unterschiedlicher, aber gemeinsamer Verantwortlichkeiten der Staaten in Bezug auf die Klimafrage:
- Rio: gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortungen
- Kyoto: Industrieländer senken ihre Emissionen absolut ab, Nichtindustrieländer dokumentieren ihre Emissionen
- Paris: Industrieländer senken absolut ab und finanzieren einen Klimafinanzausgleich, Nichtindustrieländer senken relativ ab (in erster Näherung).
Nicht adressiert wird bisher in den internationalen Verhandlungen die Export-Import-Seite von CO2-Emissionen im internationalen Warenaustausch. Die reichen Länder »konsumieren« zum Teil deutlich mehr CO2-Emissionen, als auf ihrem Territorium erzeugt werden, und zwar wegen unterschiedlicher CO2-Belastungen in den Exporten und Importen der Staaten. Buchhalterisch treten diese dann an anderer Stelle auf, nämlich zum Beispiel in der Klimabilanz Chinas. Etwa ein Drittel betrifft dort den „Export“ an CO2. »Buchhalterische Abgrenzung« lässt die Situation bei Staaten wie China also als klimaschädigender (aus Sicht des eigenen Konsums) erscheinen, als sie bei sauberer Buchführung ist, bei vielen entwickelten Ländern gilt das Gegenteil. Bei Deutschland als »Exportweltmeister« ist das übrigens anders. Die deutsche CO2-Bilanz verbessert sich nämlich, wenn man die Effekte des internationalen Warenaustauschs mit in Betracht zieht. Deutschland befindet sich an dieser Stelle in einer ähnlichen Situation wie China.
Ungefähr so, wie am FAW/n erwartet und früh publiziert, ist es also in Paris gekommen und so wird es dann weitergehen. Fast alle Staaten beteiligen sich mit freiwilligen Zusagen. Selbst Saudi Arabien als einer der größten Förderer von Öl ist an Bord. Dabei sind die jetzt in Paris gegebenen Zusagen (vor allem aus dem Bereich der Nichtindustrieländer) zum Teil sehr kryptisch. Die Qualität der Zusagen und ihr materieller Gehalt ist also nur schwer einzuschätzen und kaum überprüfbar, da sich die meisten Zusagen von Schwellen- und Entwicklungsländern auf Verbesserungen gegenüber spezifischen Business-as-usual-Szenarien beziehen, die in Bezug auf die zugrunde gelegten Formen von betrachteten Klimagasemissionen sehr inhomogen sind. Hinzu kommen noch vielfältige individuelle Konditionierungen, zum Beispiel an eine adäquate Umsetzung im Bereich des Klimafinanzausgleichs. Zusätzlich gibt es keine zentral koordinierte Überprüfung beziehungsweise Feststellung der tatsächlichen Umsetzungsergebnisse. Hier bemüht sich die internationale Gemeinschaft seit der Weltklimakonferenz in Paris um Fortschritte. Insgesamt ist das keine gute Ausgangslage zur Erreichung der Paris-Ziele. Dies umso mehr, als es gerade die militärisch stärksten Akteure sind, die den fossilen Weg forcieren. Dagegen ist aus machtpolitischer Sicht nichts auszurichten, schon gar nicht von Europa aus.
Die Lage in Europa, vor allem auch in Deutschland, ist dadurch gekennzeichnet, dass die Menschen weit überwiegend wollen, dass etwas gegen den Klimawandel unternommen wird. Dies ist auch eine Folge des wirksamen Auftretens von Greta Thunberg und Fridays for Future, aber auch von Felix Finkbeiner und der Organisation „Plant for the Planet“. Dabei sind die deutschen Emissionen mit über 10 Tonnen pro Kopf im Vergleich sehr hoch – fast doppelt so hoch wie die französischen. Aber das wird nicht thematisiert. Die Deutschen glauben weit überwiegend, sie seien in Bezug auf das Klima die „Guten“ und sie könnten, wenn sie sich nur etwas Mühe geben, ein Vorbild für die Welt sein. Deshalb soll die Regierung mehr tun. Die Maßnahmen zur „Rettung der Welt“ sollen aber nicht weh tun. Die meisten Menschen in Deutschland folgen gleichzeitig der abwegigen Idee, die besten Möglichkeiten, um zur Stabilisierung des Weltklimas beizutragen, bestünden für deutsche Bürger und Unternehmen in Aktivitäten in Deutschland. Weltweite Betrachtungen kommen fast nicht vor. Wir diskutieren in Kap. 15 und 16, was daraus für die Chance einer Vermeidung einer Klimakatastrophe folgt. Die Aussichten sind nicht gut.
II. Bausteine einer wohlstandskompatiblen Klimapolitik
5. Warum ist internationale Klimapolitik so schwierig?
Es geht beim Klima um ein weltweites Thema. Wenige Themen sind so eindeutig globaler Natur wie die Belastung der Atmosphäre mit Klimagasen und die Folgen dieses Prozesses. Während auf der Welt Macht und Wohlstand in der Regel mit der Kontrolle über Ressourcen in Form von Eigentumsrechten einhergeht, ist das beim Klima anders. Auch arme und sozial schwach positionierte Personen bzw. Staaten können z. B. Regenwälder anzünden und damit enorme Klimagasemissionen verursachen. Das gilt gerade auch für ärmere Staaten und dortige Akteure in der Verfolgung ihrer komparativen Vorteile in der internationalen Arbeitsteilung, wenn etwa Brasilien im großen Stil Regenwald vernichtet, um Soja und Mais für die Intensivtierhaltung in Europa und China zu produzieren oder wenn in Indonesien riesige Regenwaldgebiete verschwinden, um Palmöl für die westlichen Märkte herzustellen.
Viele klimarelevante Aktionen bewegen sich bezüglich internationalem Recht in einer Grauzone. Beim Klima müssen sich 200 Staaten darüber einigen, was auf der Ebene der Staaten bzw. der Menschen bzw. der Unternehmen zulässig ist und was nicht. Dabei treffen höchst unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit aufeinander. Für den internationalen Diskurs ist seit der oben erwähnten bahnbrechenden Rede von Indira Gandhi 1972 bei der gescheiterten Weltumweltkonferenz in Stockholm Konsens, dass die ärmeren Länder ein Recht auf nachholende Entwicklung haben, auch wenn diese Entwicklung Umwelt und Klima belastet. Denn die reichen Länder haben das ja alles schon vorgemacht. Und dass sie bestimmte Ressourcen der Erde bereits unwiederbringbar verbraucht haben, kann aus Sicht der anderen nicht das Argument dahin sein, dass sie arm bleiben müssen. Also müssten die Reichen kompensatorisch eingreifen, wenn sie die Ärmeren zum Mitmachen beim Umwelt- und Klimaschutz gewinnen wollen.
Genau nach diesem Muster hat das Montrealer Protokoll zur Wiederherstellung des Ozon-Schirms der Erde sehr gut funktioniert, wobei für die praktische Machbarkeit entscheidend war, dass es zu den (das Ozon angreifenden) Fluorkohlenwasserstoffen für den Betrieb von z. B. Kühlschränken eine technische Alternative gab, die in der reichen Welt schon verfügbar war und dass die reiche Welt die Differenzkosten der Nutzung dieser Technologie zu Gunsten der ärmeren Länder übernommen hat. Unter diesen Umständen waren diese bereit, mitzumachen.
Beim Klima haben wir bisher leider keine im großen Stil nutzbare preiswerte Alternativlösung zu den fossilen Energieträgern zur Verfügung, sonst hätte die Staatengemeinschaft das Klimaproblem längst entlang der Linie des Montrealer Protokolls abgehakt.
Gibt es alternative Wege? Diese sind schwer zu finden. Bei 200 sehr unterschiedlichen Partnern gibt es z. B. immer das Problem des Trittbrettfahrens. Wenn einige Staaten sich besonders engagieren, erlaubt das anderen, es tendenziell umso schlimmer zu treiben, sodass sich gar nichts verbessert, obwohl sich einige abmühen. Wenn dieses Abmühen teuer ist und zum Beispiel die Leistungskraft der eigenen Wirtschaft bedroht, ist zusätzlich ein Problem der Verarmung von denen im Spiel, die gerade deshalb jetzt in den Märkten zurückfallen, weil sie sich für den Schutz des Klimas engagieren. Das ist kaum auszuhalten.
Ganz grundsätzlich ist das Klimaproblem gekennzeichnet durch seine enge Verknüpfung mit der Bereitstellung von Energie, die wiederum eine Zentralfrage für Wohlstand ist. Damit befindet man sich sofort in einem Zentralbereich der Geopolitik. In keinem anderen Sektor der Wirtschaft pochen die Staaten der Welt so sehr auf ihre Souveränitätsrechte, wie in diesem.
Reden wir heute über Klimaschutz, dann reden wir auch über Abkappen von Teilen der Energieversorgung, was in vielen Fällen Wohlstandsverluste zur Folge haben kann, die auch noch asymmetrisch über die Bevölkerung und zwischen den Staaten verteilt sind. Konsens herbeizuführen wird dann sehr schwierig. Vor allem ist Rückbau von Wohlstand kein besonders attraktives politisches Programm.
Wohlstandsverringerung in Form eines zurückhaltenden Lebensstils und verlangsamte aufholende Entwicklung sind heute aber das dominierende Paradigma im Umgang mit dem Klimaproblem, auch wenn das nie so klar angesprochen wird. Eben deshalb, weil uns vernünftige, preiswerte und breitflächig einsetzbare technische Lösungen bzw. Alternativen zu den bisher genutzten Technologien fehlen. Wenn solche fehlen, hilft es auch nicht, wenn man im Sinne der ökonomischen Theorie richtig operiert und externe Kosten systematisch in das ökonomische System internalisiert, sodass die Preise die Wahrheit sagen. Selbst wenn sich die Welt auf eine solche Internalisierung externer Kosten verständigen könnte, wovon überhaupt nicht die Rede ist, wäre das Ergebnis möglicherweise wieder nur Wohlstandsverlust. Oder um es anders auszudrücken: bei einer gegebenen Technik und einer gegebenen Ressourcenausstattung ist für eine bestimmte Zahl von Menschen nur ein bestimmtes mittleres Wohlstandsniveau erreichbar. Wenn die Zahl der Menschen wächst, wenn die Ressourcenverfügbarkeit abnimmt, kann, wenn man die Grenzen der ökologischen und sozialen Möglichkeiten beachtet, die Antwort bei gegebener und ausgereizter Technik nur in einer Verringerung des Lebensstandards liegen, was eben kein besonders attraktives Programm ist. Diese schwierige Ausgangssituation beschreibt die Lage, in der wir uns heute befinden. Es ist deshalb leicht nachvollziehbar, warum die Welt sich so schwertut, eine kohärente Antwort auf das Klimaproblem zu finden. Dies beinhaltet, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass wir bezüglich dieser Frage scheitern werden. Zumindest können die Übergänge in den nächsten Jahrzehnten sehr, sehr schmerzhaft werden. Genau darauf deutet auch der historische Befund hin.
6. Lehren aus der Historie – Rolle der Technik
Wenn wir zurückschauen und etwas für die Klimathematik lernen wollen, betrachten wir neben den aktuellen Themen vernünftigerweise auch andere, ähnlich gelagerte Fragestellungen. Was können uns die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte lehren? Oben war schon das Montrealer Protokoll zur Lösung der Ozonkrise angesprochen worden. Diese Krise wurde in relativ kurzer Zeit erfolgreich bewältigt. Technologieverfügbarkeit zu bezahlbaren Kosten und die Bereitschaft der reichen Welt, die Differenzkosten für die neue Technologie im Vergleich zur alten zugunsten der sich entwickelnden Länder zu übernehmen, waren der Schlüssel für eine Lösung. Eine entsprechend einfache Lösung haben wir heute im Klimabereich nicht zur Verfügung. Die Situation war ähnlich vor 300 Jahren, als die Wälder den zentralen Engpass darstellten – energetisch, aber auch bezüglich materieller Ressourcen.
Damals hat Hans Carl von Carlowitz das Credo für nachhaltige Entwicklung formuliert. Er wird im deutschsprachigen Raum als der Erfinder des Nachhaltigkeitsbegriffs gesehen. 1645, gegen Ende des 30-jährigen Krieges geboren, lebte von Carlowitz in einer Zeit großer Umbrüche und dramatischer gesellschaftlicher Herausforderungen. Mit 32 Jahren wurde er im Jahr 1678 zum sächsischen Vize-Berghauptmann ernannt, 1711 stieg er zum Oberberghauptmann auf. Die Bedeutung dieser Aufgabe resultierte aus der wichtigen Rolle des Silberbergbaus für die Finanzierung des sächsischen Staates. Für den Silberbergbau waren große Mengen Holz erforderlich, die über die Flüsse herantransportiert werden mussten. Die Sicherung des Nachschubs wurde zunehmend zum Problem.
In seiner Rolle als Vize-Berghauptmann entwickelte von Carlowitz eine tiefe Einsicht in die Bedingungen und Möglichkeiten der Forstwirtschaft. Aufgrund seiner hohen Kompetenz und sachlichen Zuständigkeit war von Carlowitz auch Mitglied einer mehrköpfigen kursächsischen Holzkommission im Auftrag des Kurfürsten August des Starken, die sich um die Beseitigung des Holzmangels und die Bereitstellung von genügend Holz für den Bergbau kümmern musste. Es ging bei Wald und Holz um eine kritische Ressource für das sächsische Staatswesen. Lange Zeit wurde mehr Holz geschlagen, als nachwuchs. Dies konnte auf Dauer nicht gut gehen.
Holz wurde zur damaligen Zeit für viele Zwecke gebraucht. Holz und Holzkohle waren in der Zeit von Hans Carl von Carlowitz zentrale energetische Ressourcen. Bergbau, Metallgewinnung und -verarbeitung und die Betreibung von Salinen waren nur unter Nutzung dieser Ressourcen möglich. Dabei ging es häufig auch um entscheidende Stützen der Staatsfinanzen. Die Venezianer und ihre Widersacher im Mittelmeerraum haben mit der Beschaffung des Holzes für ihre Flotten wesentlich zur Verkarstung der dalmatinischen Küste beigetragen. Der Holzbedarf Venedigs war extrem, denn das Rückgrat der Seemacht Venedig war seine gewaltige Kriegsflotte. Das eigentliche Kraftzentrum der Republik Venedig war die zentrale Werftanlage, das Arsenal, das damals größte industrielle Areal des alten Europas, in dem in der Glanzzeit Tag und Nacht Tausende von Menschen arbeiteten. Eine wichtige Maßnahme in dem betrachteten Kontext war 1476 die erste venezianische Forstgesetzgebung, die die Wälder entlang der Piave, die in die Lagune mündet, bis hinauf in die Dolomiten unter rigorosen Schutz stellte.
Von Carlowitz veröffentlichte sein Grundlagenwerk ein Jahr vor seinem Tod 1714. Seine klugen und von Einsicht geprägten Darlegungen sind mit Blick auf den aufkommenden Holzmangel in Folge von kurzfristig (zu) hohen Erträgen zu Lasten der Zukunft konsequent und letztlich naheliegend. Das Denken von Hans Carl von Carlowitz beinhaltet übrigens bereits alle Dimensionen, die wir heute mit dem Dreieck der Nachhaltigkeit zu beschreiben versuchen, also neben Umwelt auch Wirtschaft und die soziale Frage. Von Carlowitz sah seine Überlegungen selber schon früher in der „grande ordinance“ und den Edikten Ludwigs XIV. zur Reorganisation des Forstwesens in Frankreich (1669) verwirklicht. Dabei ging es insbesondere um die Sicherstellung des enormen Holzbedarfs für die französische Kriegsflotte, die sich in ständiger Auseinandersetzung mit der Flotte Großbritanniens um die Kontrolle der Kolonien in Nordamerika befand. Man muss sich dabei aus heutiger Sicht stets vor Augen führen, dass es damals um viel mehr ging als um den Walderhalt heute: Die Bedeutung der Ressource Holz war in jener Zeit sehr viel größer. Holz war ein zentraler Wirtschaftsfaktor, entscheidender Energielieferant und die Basis militärischer Schlagkraft. Es hatte eine ähnliche Bedeutung wie heute die fossilen Energieträger. Übernutzung war mit massiven negativen Effekten wie Verkarstung verbunden.
Dies erinnert an die heutige Situation bezüglich der CO2-Emissionen und der resultierenden Klimaproblematik. Da bereits eingetretener Schaden wieder gut zu machen war, war die Vorgabe von Hans Carl von Carlowitz, die Balance zwischen Zuwachs und Abholzen zu halten, weniger statisch als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Nachhaltigkeit als dauerhafte Balance betrifft dynamische Fließgleichgewichte. Die dominante Bedeutung von Holz als Ressource in der damaligen Zeit wird schließlich daran erkennbar, welche weiteren Persönlichkeiten, die die deutsche Geschichte prägten, neben von Carlowitz direkt oder indirekt mit dem Wald befasst waren. Wir erwähnen hier insbesondere den jungen königlich-preußischen Bergassessor Alexander von Humboldt, der später als einer der großen Naturforscher weltweit Beachtung finden sollte und der 1792 als damals 22-Jähriger Bergbau und Hüttenwesen in neuen Landesteilen inspizierte. 80 Jahre nach Carlowitz boten für ihn die fossilen Brennstoffe als „unterirdische Wälder“ ein neues Potenzial zum Umgang mit dem allgegenwärtigen Holzmangel.
Der Schlüssel für die damalige große Transformation, die letztlich auch die Wälder „gerettet“ hat, ist die technische Revolution im Bereich der Kohle und der Dampfmaschine, und damit von Kohle und Stahl gewesen, die in der Folge die Basis mehrerer industrieller Revolutionen bildete. Der wichtigste Baustoff war nicht länger das Holz. Viel wichtiger wurden Beton, Eisen, Stahl und Glas. Holz war auch nicht mehr der entscheidende Energielieferant, es waren die fossilen Energieträger.
Die Entwicklung seit damals ist vergleichbar mit einer „Explosion“ in alle Richtungen. Das hat eine enorme, damals kaum vorstellbare Verschärfung der Lage zur Folge, aber gleichzeitig auch eine Multiplikation unserer Handlungsoptionen. Das Thema der Balance dynamischer Fließgleichgewichte erhält damit eine gegenüber den Zeiten von von Carlowitz wesentlich gesteigerte Bedeutung. Die Dynamik ist heute die zentrale Herausforderung im Kontext von Nachhaltigkeit. Die Zahl der Menschen ist seit damals fast um den Faktor 10 gewachsen. Das weitere Wachstum der Weltbevölkerung ist und bleibt eine zentrale Herausforderung für die Zukunftsgestaltung. Die Produktion von Gütern und Dienstleistungen und der Umfang genutzter Energie ist in dieser Zeit parallel dazu fast um den Faktor 100 gewachsen. Die individuelle Wohlstandssituation hat sich dabei im Mittel etwa um den Faktor 10 verbessert.
Besonders problematisch ist, dass alle Prozesse heute viel schneller ablaufen. Damit haben wir gegenüber jener Zeit auf einem Niveau sehr viel umfangreicherer Kenntnisse und Technologien ein Vielfaches an Problemen, wobei der parallel verlaufende Weg in Richtung einer digitalen Transformation, die viele interessante Potenziale beinhaltet, die Situation zugleich noch weiter verkompliziert, ein typischer Bumerang-Effekt.
Einerseits sind also die damaligen Herausforderungen, vor denen von Carlowitz stand, vergleichbar mit den heutigen, und zwar in sehr viel mehr Dimensionen als der rein forstwirtschaftlichen. Andererseits ist die Dimension der Probleme heute eine ganz andere: Im Verhältnis zu heute hatte die Menschheit vor 300 Jahren viel mehr Zeit zur Verfügung und es war nicht der ganze Globus bedroht. Wichtig: Die damalige große Transformation war schmerzlich, sie hieß nicht so, aber sie ist schließlich gelungen. Hoffen wir, dass es diesmal wieder genauso sein wird.
Zu beachten ist dabei ein Vorteil der damaligen Lage im Verhältnis zu heute. Wenn kein Holz mehr da ist, auch nicht bei Nachbarn, ist irgendwann Schluss mit der Nutzung von Holz. Man hat dann also nicht mehr die Wahl, einfach so weiterzumachen wie bisher. Wenn man zu viel CO2 emittiert, ist das anders. Da noch genügend fossile Energieträger da sind, können wir noch lange einfach so weiter machen wie bisher. Vor allem auch deshalb, weil sich die über viele Jahrzehnte für gültig gehaltene „Peak-Oil-These“ der rasch abnehmenden Vorräte an Öl und Gas als falsch erwiesen hat. Dies insbesondere als Folge der von den USA ausgehenden Schiefer-Öl- und Schiefer-Gas-Revolution. Die USA wurden in diesem Prozess zum größten Ölproduzenten der Welt. Öl- und Gaspreise sind tief gefallen. Ein Überfluss an fossilen Energieträgern erschwert heute massiv den Übergang zu erneuerbaren Lösungen, da die fossilen Energieträger viel zu preiswert sind. Dafür zahlen wir auf andere Weise, nämlich in Form des sich vor unseren Augen aufbauenden und sich ständig vergrößernden Klimaproblems. Die Probleme verschärfen sich also und verschieben sich vor allem in die Zukunft, denn das Klima reagiert verzögert auf den zu hohen CO2-Ausstoß. Es fehlt damit der Mechanismus, der den Prozess kurzfristig von selber beendet. Weder Nicht-Verfügbarkeiten noch extrem hohe Preise für fossile Energieträger wirken als definitiv begrenzende Faktoren.
Was verbleibt sind dann Appelle. Wobei diese oft nicht viel nutzen. Die Situation bezüglich des Holzes hätte sich z. B. damals auch nicht dadurch verbessern lassen, dass man in kriegerischen Auseinandersetzungen dem Gegner erklärt hätte, dass man nun für 70 Jahre die Kämpfe einfrieren müsse, bis wieder genügend Eichen nachgewachsen seien. In existentiellen Lebensfragen ist das keine Option. Das gilt heute für die Energiefragen in analoger Weise. Letztlich hat sich die Situation damals geklärt durch die Erfindung der Dampfmaschine, nicht durch moralische Appelle oder Argumentationen. Wobei die sozialen Folgen der Industrialisierung (eine andere Seite des Nachhaltigkeitsthemas) für eine lange Zeit furchtbar für die Menschen war. Heute verstehen wir alle diese Zusammenhänge viel besser. Nach wie vor bleibt aber aus Sicht des Autors auch heute die technische Innovationsfrage die Schlüsselfrage.
Nehmen wir als letztes Beispiel die Osterinsel. Diese kleine, extrem einsam gelegene Pazifikinsel wurde wohl aus dem polynesischen Raum heraus besiedelt, vielleicht um das Jahr 1000 n. Chr. Zunächst konnten wohl 10.000–20.000 Menschen relativ komfortabel von den Früchten des Landes, vor allem auch aus den Wäldern und von dem hohen Beitrag des Fischfangs auf See, leben. Für die Boote wurde natürlich Holz gebraucht. In schwer nachvollziehbaren Konkurrenzprozessen zwischen den Stämmen der Insel um den Bau von kolossalen Steinstatuen (Moai), wurde, so wird angenommen, letztlich der gesamte Wald in einem Akt „kollektiver Selbstzerstörung“ abgeholzt. Das Holz wurde insbesondere zum Transport großer Felsbrocken mit Hilfe von Holzbohlen benutzt, aus denen die berühmten großen Steinfiguren an der Küste der Osterinsel entstanden, die charakteristisch für die damalige Kultur waren. Im Endergebnis standen der Bevölkerung dann weder die bisherigen Ressourcen auf dem Land, noch die Ressourcen aus dem Fischfang zur Verfügung, weil das Holz für die Boote fehlte. In der Folge schrumpfte die Bevölkerung auf etwa ein Zehntel. Dieses Zehntel lebte ein miserables Leben im Verhältnis zu ihren Vorfahren.
Man sieht daran, dass in einer Situation, in der man seine Ressourcen verbraucht, ohne über technische Alternativen auf Basis anderer Ressourcen zu verfügen, nur der Zustand der Verarmung bleibt, wobei Verarmung oft mit einem deutlichen Schrumpfen der Bevölkerung verbunden ist, wobei dieses Schrumpfen der Bevölkerung dann in den Folgegenerationen die Situation auch wieder erleichtert. Der Zusammenbruch erfolgt dabei in der Regel viel schneller als der sich über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinziehende Aufbauprozess. Dieses Phänomen wird im Club of Rome-Umfeld manchmal auch als „Seneca-Effekt“ bezeichnet. Das dabei zum Ausdruck kommende Muster ist auch im wirtschaftlichen Leben bekannt, z. B. im Umfeld von drohender Insolvenz. Überzieht man mit den Ausgaben die Einnahmen, beginnt es eng zu werden. Steigert man in dieser Phase den Lebensstandard, lebt immer stärker von Kredit, tritt rasch die Situation auf, dass aus den Einnahmen die Schulden nicht mehr getilgt werden können. Wir diskutieren das in Teil IV für die verpassten Chancen bezüglich eines wirksamen Klimaschutz. Das war und ist eine ganz ähnliche Situation.
Fasst man die Beobachtung zur Historie des Klimaproblems zusammen, dann ist klar, dass wir uns in einer Situation befinden, in der die weiterhin rasch wachsende Weltbevölkerung und die (völlig legitimen) Erwartungen sich entwickelnder Länder in Bezug auf Wohlstandszuwachs (gemäß dem Beispiel China) letztlich eine Situation heraufbeschwören, bei der sich die Probleme weltweit nur noch über Prozesse der Verarmung und möglicherweise millionenfaches vorzeitiges Sterben auflösen werden oder aber die Notwendigkeit unausweichlich wird, neue Technologien zu erfinden, so wie das vor 300 Jahren mit der Dampfmaschine gelang oder wie sie vor 40 Jahren bei der Bewältigung der Ozonkrise über Alternativen zu Fluorkohlenwasserstoffen, z. B. für das Betreiben von Kühlschränken, in großem Umfang genutzt wurden.
7. Eine wohlstandskompatible Lösung für Klima- und Entwicklung
Wir diskutieren hier eine Grundsatzfrage, die auch Gegenstand eines Blicks in die Zukunft in Kap. 16 ist, ganz im Sinne eines Szenarios 2020. Was können wir heute tun, wenn wir die nicht genutzten Optionen 1990, 2000 und 2010 betrachten und versuchen, daraus kluge Schlüsse zu ziehen? Ziel sind Überlegungen für eine wohlstandskompatible Lösung unserer Probleme. Denn nur, wenn man dafür eine Chance sieht, kann man die Erfahrungen der Vergangenheit dafür nutzen, Zielerreichung vielleicht zu ermöglichen.
Es ist an dieser Stelle zunächst einmal nicht selbstverständlich, dass es überhaupt eine wohlstandskompatible Lösung für die Zukunftsfragen geben kann, denn unsere Situation verändert sich dramatisch durch das immer noch rasche Anwachsen der Weltbevölkerung, deren Größe in den nächsten 30 Jahren von 7,5 Milliarden auf 10 Milliarden Menschen ansteigen wird, wobei heute der Wachstumsschwerpunkt in Afrika liegt. Große Probleme resultieren aber auch aus massiver nachholender Entwicklung, wie sie China vorexerziert hat. China hat weltweit den größten Beitrag dazu geleistet, Menschen aus der Armut zu holen. China hat aber auch in 3 Jahren mehr Beton verbaut als die USA im ganzen letzten Jahrhundert. Und es ist möglich, dass in Afrika in den nächsten 10 Jahren mehr Beton verbaut wird, als in Europa in den letzten 100 Jahren.
Im Klimabereich haben sich die Staaten der Welt zwar in Paris darauf verständigt, dass die Weltgemeinschaft den Temperaturzuwachs auf unter 2 °C (besser 1,5 °C) im Verhältnis zur vorindustriellen Zeit begrenzen will, materiell passiert aber auf der Welt immer noch genau das Gegenteil. Das hängt zum Beispiel auch damit zusammen, dass in Paris nichts darüber gesagt wurde, in welchem Umfang Staaten auf ihrem Territorium fossile Energieträger fördern dürfen. Die Staaten sind an dieser Stelle also völlig frei. Eine andere Übereinkunft hätte es in Paris auch nicht geben können. Denn es sind insbesondere die stärksten Staaten der Welt, allen voran die USA, genauso Russland und ebenso China, die die Produktion fossilen Materials permanent anheizen und damit z. B. auch dafür sorgen, dass die fossilen Energieträger preiswert sind. Für die USA sind hier die Stichworte Schiefergas und Schieferöl zentral, für Russland die Arktis-Strategie und die Nord-Stream-Pipeline, für China das Projekt „Neue Seidenstraße“ und massive Investitionen in neue Kohlekraftwerke. Letzteres ist übrigens auch Teil der Energiestrategie Japans wie Indiens.
Das alles macht den Übergang zu klimafreundlicheren Lösungen schwierig. Es spricht auch deshalb viel dafür, dass wir die Paris-Ziele nicht erreichen werden. Wir werden das unten noch genauer diskutieren. In Publikationen des Autors aus der Zeit nach dem Scheitern der Kopenhagen-Konferenz wird bis zum Jahr 2050 für das 2 °C-Ziel eine 500 Milliarden Tonnen CO2 große Ambitionslücke erwartet, für das 1,5 °C-Ziel sind es 650 Milliarden Tonnen. Wie in Verbindung mit der Referenzgrafik diskutiert wird, hat der Autor diese Werte wegen der ungünstig verlaufenen tatsächlichen Entwicklung mittlerweile um je 100 Milliarden Tonnen erhöht. Die Zukunftsperspektive wird von anderer Seite noch ungünstiger eingeschätzt (vgl. Bild der EIA). Dieses gibt Schätzungen der U. S. Energy Information Administration wieder, die die Lücken sogar noch einmal um 100 Milliarden Tonnen CO2 bis 2050 größer sieht. Die Ambitionslücke für das 2 °C-Ziel beträgt dann 700 Milliarden Tonnen CO2 für die Zeit ab 2015.
Damit ist folgendes klar: Es müssen, wenn die Ziele von Paris erreicht werden sollen, bilanziell riesige Mengen CO2 bis 2050 irgendwie eliminiert werden. Entweder dadurch, dass sie gar nicht erst in die Atmosphäre gelangen oder dadurch, dass sie wieder der Atmosphäre entzogen werden. Der letzte Punkt betrifft insbesondere die sogenannten Nature-based Solutions, die im Folgenden noch detaillierter diskutiert werden. Wer das alles leisten bzw. finanzieren soll, ist unklar. Nach früheren Schätzungen des Autors werden für das 2 °C-Ziel bis 2050 Jahr für Jahr zusätzlich etwa 500 Milliarden Euro verlorene Finanzzuschüsse benötigt, für das 1,5 °C-Ziel etwa 750 Milliarden Euro. Die aktuelle Schätzung liegt jeweils noch um 100 Milliarden Euro höher. Wo dieses Geld herkommen soll, ist unklar. Es geht bei 500 Milliarden Euro um etwa das Dreifache der heutigen Mittel für internationale Entwicklungszusammenarbeit und das Fünffache der zugesagten Mittel für einen Klimafinanzausgleich, wobei bezüglich der letzteren Mittel noch unklar ist, von welcher Art sie sein werden und wo sie herkommen sollen.
Fragt man aus heutiger Sicht, was vielleicht, zumindest partiell, doch helfen könnte, findet man verschiedene Handlungsbereiche, die Beiträge für Lösungen leisten könnten. Einige werden nachfolgend beschrieben.
- Vermeiden & Reduzieren
Heute sind vielfältige Optionen vorhanden, Klimagasemissionen auf der Ebene von Personen, Organisationen, Unternehmen etc. über ein systematisches Vorgehen Jahr für Jahr immer mehr zu vermeiden bzw. zu vermindern, was generell zu einer Entspannung der Situation beiträgt. - Erneuerbare Energien
In den letzten Jahrzehnten ist es (auch unter wesentlicher deutscher Beteiligung) gelungen, z. B. in den Bereichen Wind und Solar neue technische Lösungen zu finden, die ein klimaneutrales „Einsammeln“ von Sonnenenergie ermöglichen. Deutschland hat mit dem „Erneuerbare Energie-Gesetz“ und der „Einspeisevergütung“ viel dazu beigetragen, diese Technologien marktfähig zu machen, hat aber keine kluge Politik betrieben, um diese Bereiche marktfähig zu machen, also aus einer permanenten Abhängigkeit von Subventionen zu lösen. China hat anschließend sehr viel dazu beigetragen, die Preise massiv zu senken und dadurch die Umsetzungsmöglichkeiten wesentlich erhöht. Deutschland hat in diesem Prozess leider vielversprechende neue Industriebranchen relativ rasch wieder verloren. - Erneuerbare Energien werden ein Backbone jedes vernünftigen Weges in die Zukunft sein müssen. Sie können insbesondere auch eine zentrale Bedeutung für die weltweite Energieversorgung der Armen gewinnen, und zwar über lokale Lösungen, die kein allgemeines, landesweites Stromnetz voraussetzen, wie es z. B. für Industrialisierungsprozesse unbedingt erforderlich ist. Hier sei exemplarisch auf die großen Erfolge mit lokalen Ansätzen in Bangladesch verwiesen. Wichtig ist allerdings zu erkennen, dass die reine Stromseite zur Lösung der vielfältigen Energieprobleme auf der Erde nicht ausreicht. Strom ist ein großer, aber insgesamt der kleinere Teil unseres Energieverbrauchs. Wir haben in anderen Sektoren unserer Zivilisation, etwa in der Mobilität, im Wärmebereich, der Schwerindustrie und in der Chemie wichtige andere Sektoren, die noch mehr Energie verbrauchen als der Stromsektor, die aber zu einem Großteil nicht plausibel mit Strom bedienbar sind. Beim Strom kommen die Speicherfragen als weiteres Problem hinzu. Die Fixierung eines Teils der Umweltbewegung, wie auch vieler Politiker in Deutschland allein auf Strom im Sinne einer All-Electric-Philosophie ist mittlerweile ein Teil unserer Probleme. Immerhin deutet sich aber zumindest an, wo ein weiterer Schwerpunkt liegen könnte. Dies wird heute u. a. unter dem Begriff Sektorkopplung diskutiert. Synthetische Kraftstoffe spielen dabei eine große Rolle.
- Synthetische Kraftstoffe
Es gibt die Möglichkeit, solare Energien, wenn auch unter großen Effizienzverlusten, in grünen Wasserstoff zu transferieren, der dann beispielsweise auch in grünes Methanol und andere synthetische Kraftstoffe transferiert werden kann. Besonders wichtig ist in diesem Kontext aus Sicht des Autors die sogenannte Methanolökonomie. In Arbeiten des Autors wird dargestellt, wie unter Einbeziehung der Potenziale der Methanolökonomie, unter Nutzung von Mehrfachrecyclierung von CO2 und mit Einbindung der Nature-based Solutions das Klimaproblem vollumfänglich gelöst werden könnte. - Synthetische Energieflüssigkeiten, die mit Benzin vergleichbar sind, lösen u. a. die Speicher- und Handlingsprobleme bei der Energiebereitstellung in überzeugender Weise. Zugleich können in dieser Konstellation die bisherigen Infrastrukturen und Geräte bzw. Automobile bzw. Heizungen weiter genutzt werden. Diese Energieformen erlauben die Abdeckung der offenen Themen, die über reine Stromlösungen nicht vernünftig adressierbar sind. Es werden hierfür allerdings gigantische Mengen erneuerbarer Energie benötigt und zwar zunächst in Stromform als Basis einer Umwandlung in energiehaltige Flüssigkeiten oder Gase und dann später deren Nutzung, obwohl das wieder weitere Umwandlungsverluste beinhaltet. Diese Ineffizienzen sind aber kein prinzipielles Problem, wenn der grüne Strom preiswert verfügbar wird. Ein Benchmark ist heute ein Endpreis von maximal 2 ct/kWh bei Abgabe an die Wasserstoffseite. Solche Preise lassen sich vor allem in den großen Sonnenwüsten der Welt darstellen, wo insbesondere der benötigte Boden in fast beliebigem Umfang verfügbar ist und wenig kostet und die Transmissionsverbindungen für den Strom einfach ausgelegt werden können, also nicht die Volatilitätsprobleme einer ganzen Zivilisation gleichzeitig mitgelöst und mitfinanziert werden müssen.
- Die Konzepte im Bereich synthetischer Energieflüssigkeiten oder Gase erinnern an Desertec, eine Initiative zur massiven Nutzung von Strom aus heißen Wüsten, allerdings mit dem Unterschied, dass hier nicht (primär) Strom transportiert wird. Vielmehr wird (grüner) Strom in grünen Wasserstoff umgewandelt, der dann nachfolgend in Flüssigkeiten wie Methanol verwandelt wird, die vom Öl- oder Benzintyp sind und als Flüssigkeiten oder Gase weiter transportiert oder stofflich transformiert werden können, häufig unter Nutzung der bisherigen Infrastrukturen. Die neuen Energieflüssigkeiten liegen stofflich nah bei den alten. Ihre Nutzung kann deshalb nicht so einfach verhindert werden wie bei Strom, wo von vornherein schon der Bau entsprechender Stromleitungen durch heftige Widerstände verhindert wurde.
- Um Methanol zu erzeugen, muss dazu dem grünen Wasserstoff z. B. CO2 zugeführt werden. Das fällt in die Gesamtthematik Carbon Capture and Usage (CCU). CO2 wird dabei zu einem wertvollen Rohstoff und potenziell – über verschiedene Nutzungen – mehrfach recycliert. So lässt sich das Klimaproblem vielleicht doch noch bewältigen.
- Das eröffnet die Chance, dass der große Mineralölsektor mit der dazugehörigen Chemie selber zum Hauptakteur der erforderlichen industriellen Transformation werden könnte, weil die neuen Strukturen technisch und infrastrukturell nahe am Status Quo liegen und in diesen neuen Strukturen mindestens so viel Geld zu verdienen ist wie bisher, eben weil vieles sich nicht ändert, etwa die Pipelines, die Tanker, die Raffinerieprozesse, weil eben „nur“ Gas und Öl durch Wasserstoff und Methanol ersetzt werden, die aus der Nutzung solarer Energie resultieren. Das erhält weitgehend das Geschäft und das ist gut so. Denn ein Kollaps des großen Mineralölsektors mit allem, was daran hängt, würde die Weltgemeinschaft massiv in Richtung Verarmung führen. Die in diesem Kontext drohenden Verwicklungen, bis zum Zusammenbruch von Staaten, deuten sich heute schon immer wieder dann an, wenn der Ölpreis massiv fällt.
- Heute wird an entsprechenden Projekten wie den großen Wüsten gearbeitet, auch als Teil der deutschen/europäischen Wasserstoffstrategie. Solche Projekte eröffnen auch interessante Möglichkeiten der Wertschöpfung in den Ländern des Südens, wo nach wie vor eine hohe Dynamik der Bevölkerungsentwicklung besteht. Gerade Afrika könnte entscheidend profitieren. Grüner Wasserstoff, grünes Methanol und synthetische Kraftstoffe sind insofern auch wesentliche Bausteine eines Marshall Plans mit Afrika.
- Nature-based Solutions
In den letzten Jahren hat die Diskussion über Nature-based Solutions und ihr möglicher Beitrag zur Vermeidung einer Klimakrise ständig an Bedeutung gewonnen. Aus Sicht des Autors sind sie ein Schlüsselthema. Es geht dabei darum, der Atmosphäre wieder CO2 zu entziehen – die andere Seite der Bilanz. Sie spielt schon in den Arbeiten des Autors nach dem Scheitern von Kopenhagen eine große Rolle. Dort ist von sogenannten Negativemissionen die Rede. Etwa die Hälfte der dort diskutierten 500 Milliarden Tonnen CO2-Ambitionsausgleich soll im Zeitraum 2015–2050 durch Negativemissionen geschlossen werden. Dieser Gedanke spielt auch in diesem Text in den betrachteten Szenarien eine zentrale Rolle. Im Bereich der Nature-based Solutions geht es darum, sich „mit der Biologie zu verbünden“, letztlich die biologischen Prozesse zu nutzen, um CO2 aus der Atmosphäre zu holen und in Pflanzen, Bäumen oder im Boden zu binden (die erwähnten Negativemissionen). Solche Prozesse fördern in der Regel Entwicklungs- und Wohlstandsaufbau und insgesamt die Agenda 21. Das ist eine ungewöhnliche Kombination und macht den besonderen Reiz derartiger Ansätze aus. - Zu den Nature-based Solutions zählen insbesondere die folgenden 7 großen Felder:
- Großflächige Aufforstungsmaßnahmen, vor allem auf degradierten Böden in den Tropen (geschätztes Potential 1 Milliarde Hektar)
- Konsequenter Regenwaldschutz (geschätztes Potential 1 Milliarde Hektar)
- Massive Humusbildung in der Landwirtschaft, u. a. durch stärker biologische Bearbeitungsmethoden und Einbringung von Biokohle/Holzkohle in den Boden (geschätztes Potential 1 Milliarde Hektar)
- Stabilisierung und Wiederaufforstung von Mangrovenwäldern
- Stabilisierung und Wiederherstellung von Mooren
- Stabilisierung und Wiederherstellung von Feuchtbiotopen
- Großflächige Algenbildung in den Ozeanen
- Bei (1) geht es um Nutzwälder, die nach etwa 40 Jahren „abgeerntet“ werden. Die Flächen werden dann sofort neu bepflanzt. Die Nutzung des Holzes ist ein wesentlicher Teil der Finanzierung des Programms. Mit der „Holzkette“ entsteht ein wichtiger Industriesektor. Viele neue Arbeitsplätze werden geschaffen. Bei (2) steht die Beobachtung am Anfang, dass mit jedem Abholzen/Abfackeln von Regenwäldern 500–700 Tonnen CO2 freigesetzt werden. Zudem gibt es gewaltige Verluste in vielen Naturbereichen, insbesondere genetische Vielfalt. Massive Humusbildung (3) ist wichtig für das Klima, aber auch für die Ernährung einer weiter rasch wachsenden Weltbevölkerung. Im Landwirtschaftssektor werden in Afrika die größten Reserven für neue Arbeitsplätze gesehen. Maßnahmen in den Bereichen (1) und (3) können pro Hektar 5–10 Tonnen CO2 pro Jahr binden bzw. in gebundener Form erhalten. Bei Mangrovenwälder (4) sind bis zu 40 Tonnen CO2-Bindung pro Hektar und Jahr erreichbar. So hohe Werte sind auch in den Bereichen (5) und (6) möglich. Allerdings besteht dort eine erhebliche Flächenkonkurrenz zu anderen Formen der Nutzung der Flächen. Für (7) werden ebenfalls 5–10 Tonnen pro Hektar genannt. Bei Blaualgen können allerdings durch Methanbildung auch gegenläufige Effekte auftreten.
- Generell haben Nature-based Solutions ein besonders hohes Potential, die Umsetzung vieler SDG zu fördern und mehr Wohlstand zu erzeugen, während gleichzeitig auch eine Verbesserung der Klimabilanz erfolgt. Das zeichnet die Nature-based Solutions in besonderer Weise aus. Beeindruckend ist die Vielzahl der über solche Lösungen positiv beeinflussbaren SDGs, die von der Erhöhung der Biodiversität, der Verbesserung des Wasserhaushalts, über Verbesserung der Ernährungssituation (Agroforestry) und massivem Infrastrukturausbau (Straßen, Siedlungen, Strom, Wasser etc.) bis hin zu Jobs, Ausbildung, Verbesserung der Situation der Frauen, Industrialisierung und Wertschöpfungsketten (z. B. Holzkette) etc. reicht.
- Aktivitäten im Bereich Nature-based Solutions nehmen deshalb in den letzten Jahren an Fahrt auf, z. B. im Bereich von Projekten des freiwilligen Marktes für Entwicklungs- und Klimaanliegen (z. B. zur Erzeugung von einschlägigen Zertifikaten). Deshalb wird dieses Feld auch durch die Allianz für Entwicklung und Klima des BMZ im Zentrum der Debatte gestellt. Es fehlt allerdings nach wie vor ein grundsätzlicher Mechanismus zur Finanzierung der Extrakosten in diesem Bereich, ein Umstand, auf den auch seit Jahren der Club of Rome hinweist. Ferner fehlt ein international abgestimmter Mechanismus, solche Lösungen in voller Breite in ein funktionierendes weltweites Klimaregime zu integrieren. Die hier betrachteten Szenarien profitieren alle erheblich von einer solchen angenommenen Einbindung, für die in Kap. 10 ein Vorschlag vorgestellt wird. Sie ist zentrales Element der in diesem Text vorgenommenen Analysen.
- Was wäre an dieser Stelle die naheliegende Lösung? Akteure, die CO2 in die Atmosphäre entlassen, sollten dafür zahlen, dass der freigesetzte Kohlenstoff auch wieder der Atmosphäre entzogen wird. Bei Nature-based Solutions kommt es zu einem Kohlenstoffkreislauf. Böden würden zu Kohlenstoffsenken statt als Kohlenstoffquellen zu wirken, wie das heute meist der Fall ist. Um Böden zu Kohlenstoffsenken zu machen, also den Kohlenstoffkreislauf zu schließen, müsste sich allerdings auch ein korrespondierender Geldkreislauf schließen: von denen, die CO2 emittieren zu denen, die CO2 der Atmosphäre entziehen. Das alles müsste ein globales Programm sein bzw. könnte gleich in das Klimasystem integriert werden, so wie das unten in den Szenarien vorgesehen ist und in Kap. 16 auch für die Zukunft vorgeschlagen wird. Insbesondere sollten Geldmittel von CO2-mittenden in reichen Ländern zu Akteuren in der Land- und Waldwirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländer fließen. In den Szenarien ist dies durch Integration der Nature-based Solutions-Seite in das angenommene Klimaregime von vornherein geregelt.
- Dem Kohlenstoffkreislauf wird auf diese Weise der korrespondierende Geldkreislauf zugeordnet, der dazu beiträgt, dass die gewünschte Wirkung erreicht wird. In ähnlicher Weise sollte die Welt auch heute zügig agieren. Von all dem ist bisher leider nur peripher die Rede. Und die neuen CO2-Steuern in Deutschland gehen auch nicht in die Schließung globaler Kohlenstoff-Kreisläufe, sondern in Aufladegeräte für Elektroautos. Die 600 Euro pro Jahr, die die EU im Mittel pro Jahr und Hektar landwirtschaftlicher Fläche „einsetzt“, sind bisher auch nicht an eine positive Kohlenstoffbilanz der jeweiligen Böden gebunden. Hier sind dringend regulative Veränderungen erforderlich, gerade auch im Kontext der aktuellen Festlegung der gemeinsamen Agrarpolitik der EU für den Zeitraum 2021–2027.
- Im vorliegenden Text wird im Wesentlichen mit Blick auf die Literatur und in einer vorsichtigen Abschätzung der Effekte angenommen, dass neben den CO2-Emissionen aus dem Energiesektor etwa 10 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr aus anderen Bereichen, vor allem Landwirtschaft, Abholzung von Regenwäldern etc., als CO2 in die Atmosphäre gelangen. Das ist eine hohe Zusatzbelastung. Dringend sollte die Weltgemeinschaft Maßnahmen ergreifen, diese einzustellen. Ziel sollte es sein, die Rolle der Land- und Forstwirtschaft im Kontext der Böden, die heute in der Regel CO2-Quellen sind, umzukehren in Richtung von Böden als Kohlenstoffsenke. Wir weisen auf diese Verbesserungspotentiale als einen ganz wesentlichen Hebel hin, der in den aktuellen politischen Debatten, z. B. für den neuen Rahmen für die gemeinsame Agrarpolitik der EU (2021–2027), einen ganz anderen Stellenwert erhalten sollte. Das hätte vernünftigerweise schon ab 1990 oder dann direkt ab 2000 passieren sollen, vor allem deshalb, weil die volle Potentialerschließung der Nature-based Solutions mehrere Jahrzehnte Zeit benötigt. Heute ist das nicht anders. Es ist „kollektive Dummheit“, was wir in diesem wichtigen Sektor tun bzw. nicht tun. Ähnlich dumm ist es, dass wir für den Erhalt der Regenwälder nicht genug zu bezahlen bereit sind.
- Wie gehen wir im vorliegenden Text vor? Wir arbeiten im Kontext von FAW/n-Untersuchungen zu diesem Thema, die schon einige Jahre stattfinden. Wir zielen in diesem Text – rückblickend – auf eine volle Aktivierung der Nature-based Solutions und ihre Einbindung in ein globales Cap and Trade-System zur Stabilisierung des Klimas. Wir gehen (bei eher vorsichtiger Schätzung) dabei in einem 40-jährigen Kreislaufprozess von einem Bindungspotential von jährlich 10 Milliarden Tonnen CO2 aus. In den ersten 40 Jahren muss das Potential schrittweise aufgebaut werden. Das bedeutet bei gleichmäßigem Aufbau eine bilanzielle Verbesserung der Weltklimabilanz von Jahr zu Jahr um 250 Millionen Tonnen zusätzlich. Das addiert sich dann in 40 Jahren auf 10 Milliarden Tonnen gebundene CO2 pro Jahr. Nach 40 Jahren entsteht durch „Ernten“ und Wiederaufforstung eine zusätzliche CO2-Senke von 10 Milliarden Tonnen pro Jahr. Bilanziell bringt das in den ersten 40 Jahren eine Einsparung von 200 Milliarden Tonnen CO2, dann im steady state alle 10 Jahre weitere 100 Milliarden Tonnen.
- Das beschriebene Potential kann genutzt werden, um ambitioniertere CAPs akzeptieren zu können, als dies sonst möglich wäre. Dabei kann zugleich eine nachholende Entwicklung, insbesondere auch in Afrika, massiv gefördert werden. Eine von der Politik gewünschte Null-Emissionssituation in 2050 wird so vielleicht ebenfalls möglich, weil 10 Milliarden CO2-Emissionen für die ganze Welt möglich bleiben, wenn über Nature-based Solutions der Atmosphäre Jahr für Jahr 10 Milliarden Tonnen CO2 entzogen werden können. Das ist die Logik in den in Kapitel 13 diskutierten Szenarien und für den Vorschlag für die aktuelle Politik in Kap. 16.
- Wo kommt dieser Ansatz her? Betrachtet man die Klimasituation bezüglich des Umgangs der Menschheit mit ihren Böden, mit Wäldern und landwirtschaftlich genutzten Flächen, stößt man auf unterschiedliche Aussagen. Zum einen scheint es so zu sein, dass zu den etwa 40 Milliarden Tonnen CO2 im Energiesektor noch einmal 10 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen aus der landwirtschaftlichen und weiteren Nutzung hinzukommen. Andererseits scheint die Natur über andere Mechanismen, insbesondere CO2-Aufnahme durch die Meere, bisher auch etwa 10 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr aus der Atmosphäre aufzunehmen. Würde diese Situation erhalten bleiben und würde es gelingen, über Böden und Wälder, wie dargestellt, jedes Jahr zusätzliche 10 Milliarden Tonnen CO2 der Atmosphäre zu entziehen, könnte die Menschheit auf Dauer vielleicht mit 10 Milliarden Tonnen CO2 aus dem Energiesektor – auch nach 2050 – klarkommen. Das würde die Welt jedenfalls absehbar massiv entlasten gegenüber dem in der Politik und in der Wissenschaft diskutierte Null-Szenario ab 2050.
- In jedem Fall sollte es das Ziel der Klima-, wie der Land- und Forstwirtschaft sein, die Bilanz bezüglich der biologischen Seite über die nächsten Jahrzehnte deutlich zu verbessern. Wir unterstellen das unten bei der rückschauenden Diskussion von 3 Szenarien. Dies kann in Verbindung mit synthetischen Kraftstoffen den Kohlenstoff-Kreislauf schließen und als Joker wirken. Dies wird unten in allen 3 Szenarien so gemacht und betrifft den 2 °C-Fall wie den 1,5 °C-Fall.
- Wie kann man sich das nun bezüglich der konkreten Umsetzung vorstellen? Wir orientieren uns an insgesamt potentiell 2 Milliarden Hektar Fläche für Wald und Humusbildung in der Landwirtschaft zusammengenommen (bei unterstellten durchschnittlich 5 Tonnen CO2-Bindung pro Hektar und Jahr). Die Fläche ist 20 Millionen km² groß, das Doppelte der Fläche Europas vom Atlantik bis zum Ural. Dies hätte einen Effekt von (mindestens) 10 Milliarden Tonnen CO2 Einsparungen pro Jahr – der Joker, der zu finanzieren ist, z. B. mit 20 Euro pro Tonne, potentiell 200 Milliarden Dollar pro Jahr für den „Service“ von Nature-based Solutions, der Atmosphäre Jahr für Jahr 10 Milliarden Tonnen CO2 zu entziehen. Das ist insgesamt eine preiswerte Lösung.
- 2 Milliarden Hektar sind eine gigantische Fläche. Ihr Charme sind die hohen Wertschöpfungspotentiale, die den größeren Teil der Finanzierung sichern. Hier entstehen neue Werte und damit entsteht realer Wohlstandszuwachs, z. B. intakte Wälder statt brachliegender Flächen. Das Interesse ist bei der Aufforstung besonders hoch. Die in 2018 durch Plant-for-the-Planet in Monte Carlo gestartete “Trillion Tree Campaign” hat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos in 2020 die Unterstützung des Forums und interessanterweise auch des US-Präsidenten gefunden. Bei sehr großer Anstrengung ist die Umsetzung des Programms in vielleicht 40 Jahren zu schaffen. Pro Jahr müsste dazu eine Fläche von 50 Millionen Hektar zusätzlich aktiviert werden, vielleicht die Hälfte im Bereich Wälder, die andere Hälfte in der Landwirtschaft, also je etwa 25 Millionen Hektar, also 0,25 Millionen km², also 500 km × 500 km Fläche. Das gibt eine Vorstellung von der Dimension, scheint aber machbar.
- Bearbeitet man dieses Programm Jahr für Jahr, wobei die abgedeckte Fläche über die ersten 40 Jahre linear wächst, ergeben sich CO2-Effekte ähnlich einer Treppenfunktion. Jedes Jahr wächst die in dem Jahr gebundene Menge CO2 um mindestens 250 Millionen Tonnen CO2 an. Nach 40 Jahren ist das volle Budgetpotential mit 10 Milliarden Tonnen erreicht und bleibt dann erhalten, wenn z. B. nach „Ernten“ von Bäumen auf 250 Millionen Hektar sofort wieder aufgeforstet wird. D. h., ab diesem Zeitpunkt werden der Atmosphäre so pro Jahr 10 Milliarden Tonnen CO2 entzogen werden können, die damit gut 3 Milliarden Tonnen Kohlenstoff entnehmen.
- Im Aufwuchsprozess geht es schrittweise: Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. In den ersten 10 Jahren kommen so eingesparte 12,5 Milliarden Tonnen CO2 zusammen, nach 40 Jahren 200 Milliarden Tonnen und nach 50 Jahren 300 Milliarden Tonnen CO2.
- Wir gehen unten in den Szenarien davon aus, dass wir zum Startzeitpunkt des jeweiligen Szenarios, also 1990 bzw. 2000 bzw. 2010 sofort nach der beschriebenen Logik begonnen hätten, auf Nature-based Solutions zu setzen. Bis 2030 bzw. 2040 bzw. 2050 hätte man dann die volle Kapazität dieses Programms erreicht. So hätte man beim Start in 1990 bis 2015 immerhin bilanziell etwa 78 Milliarden Tonnen gewonnen, bis 2030 200 Milliarden Tonnen und bis 2050 400 Milliarden Tonnen CO2. Dies wird unten genauer beschrieben.
8. Nature-based Solutions
In den letzten Jahren hat die Diskussion über Nature-based Solutions und ihr möglicher Beitrag zur Vermeidung einer Klimakrise ständig an Bedeutung gewonnen. Aus Sicht des Autors sind sie ein Schlüsselthema. Ebenso aus Sicht des Club of Rome. Es geht dabei darum, der Atmosphäre wieder CO2 zu entziehen – die andere Seite der Bilanz. Sie spielt schon in den Arbeiten des Autors nach dem Scheitern von Kopenhagen eine große Rolle. Dort ist von sogenannten Negativemissionen die Rede. Etwa die Hälfte der dort diskutierten 500 Milliarden Tonnen CO2-Ambitionsausgleich soll im Zeitraum 2015–2050 durch Negativemissionen geschlossen werden. Dieser Gedanke spielt auch in diesem Text in den betrachteten Szenarien (vgl. hierzu Kap. 13) eine zentrale Rolle. Im Bereich der Nature-based Solutions geht es darum, sich „mit der Biologie zu verbünden“, letztlich die biologischen Prozesse zu nutzen, um CO2 aus der Atmosphäre zu holen und in Pflanzen, Bäumen oder im Boden zu binden (die erwähnten Negativemissionen). Solche Prozesse fördern in der Regel Entwicklungs- und Wohlstandsaufbau und insgesamt die Agenda 21. Das ist eine ungewöhnliche Kombination und macht den besonderen Reiz derartiger Ansätze aus.
Zu den Nature-based Solutions zählen insbesondere die folgenden 7 großen Felder:
- Großflächige Aufforstungsmaßnahmen, vor allem auf degradierten Böden in den Tropen (geschätztes Potential 1 Milliarde Hektar)
- Konsequenter Regenwaldschutz (geschätztes Potential 1 Milliarde Hektar)
- Massive Humusbildung in der Landwirtschaft, u. a. durch stärker biologische Bearbeitungsmethoden und Einbringung von Biokohle/Holzkohle in den Boden (geschätztes Potential 1 Milliarde Hektar)
- Stabilisierung und Wiederaufforstung von Mangrovenwäldern
- Stabilisierung und Wiederherstellung von Mooren
- Stabilisierung und Wiederherstellung von Feuchtbiotopen
- Großflächige Algenbildung in den Ozeanen
Bei (1) geht es um Nutzwälder, die nach etwa 40 Jahren „abgeerntet“ werden. Die Flächen werden dann sofort neu bepflanzt. Die Nutzung des Holzes ist ein wesentlicher Teil der Finanzierung des Programms. Mit der „Holzkette“ entsteht ein wichtiger Industriesektor. Viele neue Arbeitsplätze werden geschaffen. Bei (2) steht die Beobachtung am Anfang, dass mit jedem Abholzen/Abfackeln von Regenwäldern 500–700 Tonnen CO2 freigesetzt werden. Zudem gibt es gewaltige Verluste in vielen Naturbereichen, insbesondere genetische Vielfalt. Hier sollte unbedingt gegengehalten werden. Massive Humusbildung (3) ist wichtig für das Klima, aber auch für die Ernährung einer weiter rasch wachsenden Weltbevölkerung. Im Landwirtschaftssektor werden in Afrika die größten Reserven für neue Arbeitsplätze gesehen. Maßnahmen in den Bereichen (1) und (3) können pro Hektar 5–10 Tonnen CO2 pro Jahr binden bzw. in gebundener Form erhalten. Bei Mangrovenwälder (4) sind bis zu 40 Tonnen CO2-Bindung pro Hektar und Jahr erreichbar. So hohe Werte sind auch in den Bereichen (5) und (6) möglich. Allerdings besteht dort eine erhebliche Flächenkonkurrenz zu anderen Formen der Nutzung der Flächen. Für (7) werden ebenfalls 5–10 Tonnen pro Hektar genannt. Bei Blaualgen können allerdings durch Methanbildung auch gegenläufige Effekte auftreten.
Generell haben Nature-based Solutions ein besonders hohes Potential, die Umsetzung vieler SDG zu fördern und mehr Wohlstand zu erzeugen, während gleichzeitig auch eine Verbesserung der Klimabilanz erfolgt. Das zeichnet die Nature-based Solutions in besonderer Weise aus. Beeindruckend ist die Vielzahl der über solche Lösungen positiv beeinflussbaren SDGs, die von der Erhöhung der Biodiversität, der Verbesserung des Wasserhaushalts, über Verbesserung der Ernährungssituation (Agroforesting) und massivem Infrastrukturausbau (Straßen, Siedlungen, Strom, Wasser etc.) bis hin zu Jobs, Ausbildung, Verbesserung der Situation der Frauen, Industrialisierung und Wertschöpfungsketten (z. B. Holzkette) etc. reicht.
Aktivitäten im Bereich Nature-based Solutions nehmen deshalb in den letzten Jahren an Fahrt auf, z. B. im Bereich von Projekten des freiwilligen Marktes für Entwicklungs- und Klimaanliegen (z. B. zur Erzeugung von einschlägigen Zertifikaten). Deshalb wird dieses Feld auch durch die Allianz für Entwicklung und Klima des BMZ (www.allianz-entwicklung-klima.de) immer stärker in das Zentrum der Debatte gestellt. Es fehlt allerdings nach wie vor ein grundsätzlicher Mechanismus zur Finanzierung der Extrakosten in diesem Bereich, ein Umstand, auf den auch seit Jahren der Club of Rome hinweist. Ferner fehlt ein international abgestimmter Mechanismus, solche Lösungen in voller Breite in ein funktionierendes weltweites Klimaregime zu integrieren. Die hier betrachteten Szenarien 1–3 profitieren alle erheblich von einer solchen angenommenen Einbindung, für die in Kap. 10 ein Vorschlag vorgestellt wird. Sie ist zentrales Element der in diesem Text vorgenommenen Analysen.
Was wäre an dieser Stelle die naheliegende Lösung? Akteure, die CO2 in die Atmosphäre entlassen, sollten dafür zahlen, dass der freigesetzte Kohlenstoff auch wieder der Atmosphäre entzogen wird. Bei Nature-based Solutions kommt es zu einem Kohlenstoffkreislauf. Böden würden zu Kohlenstoffsenken statt als Kohlenstoffquellen zu wirken, wie das heute meist der Fall ist. Um Böden zu Kohlenstoffsenken zu machen, also den Kohlenstoffkreislauf zu schließen, müsste sich allerdings auch ein korrespondierender Geldkreislauf schließen: von denen, die CO2 emittieren zu denen, die CO2 der Atmosphäre entziehen. Das alles müsste ein globales Programm sein bzw. könnte gleich in das Klimasystem integriert werden, so wie das unten in den Szenarien vorgesehen ist und in Kap. 16 auch für die Zukunft vorgeschlagen wird. Insbesondere sollten Geldmittel von CO2-mittenden in reichen Ländern zu Akteuren in der Land- und Waldwirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländer fließen. In den Szenarien ist dies durch Integration der Nature-based Solutions-Seite in das angenommene Klimaregime von vornherein geregelt.
Dem Kohlenstoffkreislauf wird auf diese Weise der korrespondierende Geldkreislauf zugeordnet, der dazu beiträgt, dass die gewünschte Wirkung erreicht wird. In ähnlicher Weise sollte die Welt auch heute zügig agieren. Von all dem ist bisher leider nur peripher die Rede. Und die neuen CO2-Steuern in Deutschland gehen auch nicht in die Schließung globaler Kohlenstoff-Kreisläufe, sondern in Aufladegeräte für Elektroautos. Die 600 Euro pro Jahr, die die EU im Mittel pro Jahr und Hektar landwirtschaftlicher Fläche „einsetzt“, sind bisher auch nicht an eine positive Kohlenstoffbilanz der jeweiligen Böden gebunden. Hier sind dringend regulative Veränderungen erforderlich, gerade auch im Kontext der aktuellen Festlegung der gemeinsamen Agrarpolitik der EU für den Zeitraum 2021–2027.
Im vorliegenden Text wird im Wesentlichen mit Blick auf die Literatur und in einer vorsichtigen Abschätzung der Effekte angenommen, dass neben den CO2-Emissionen aus dem Energiesektor etwa 10 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr aus anderen Bereichen, vor allem Landwirtschaft, Abholzung von Regenwäldern etc., als CO2 in die Atmosphäre gelangen. Das ist eine hohe Zusatzbelastung. Dringend sollte die Weltgemeinschaft Maßnahmen ergreifen, diese einzustellen. Ziel sollte es sein, die Rolle der Land- und Forstwirtschaft im Kontext der Böden, die heute in der Regel CO2-Quellen sind, umzukehren in Richtung von Böden als Kohlenstoffsenke. Wir weisen auf diese Verbesserungspotentiale als einen ganz wesentlichen Hebel hin, der in den aktuellen politischen Debatten, z. B. für den neuen Rahmen für die gemeinsame Agrarpolitik der EU (2021–2027), einen ganz anderen Stellenwert erhalten sollte. Das hätte vernünftigerweise schon ab 1990 oder dann direkt ab 2000 passieren sollen, vor allem deshalb, weil die volle Potentialerschließung der Nature-based Solutions mehrere Jahrzehnte Zeit benötigt. Heute ist das nicht anders. Es ist „kollektive Dummheit“, was wir in diesem wichtigen Sektor tun bzw. nicht tun. Ähnlich dumm ist es, dass wir für den Erhalt der Regenwälder nicht genug zu bezahlen bereit sind.
Wie gehen wir im vorliegenden Text vor? Wir arbeiten im Kontext von FAW/n-Untersuchungen zu diesem Thema, die schon einige Jahre stattfinden. Wir zielen in diesem Text – rückblickend – auf eine volle Aktivierung der Nature-based Solutions und ihre Einbindung in ein globales Cap and Trade-System zur Stabilisierung des Klimas. Wir gehen (bei eher vorsichtiger Schätzung) dabei in einem 40-jährigen Kreislaufprozess von einem Bindungspotential von jährlich 10 Milliarden Tonnen CO2 aus. In den ersten 40 Jahren muss das Potential schrittweise aufgebaut werden. Das bedeutet bei gleichmäßigem Aufbau eine bilanzielle Verbesserung der Weltklimabilanz von Jahr zu Jahr um 250 Millionen Tonnen zusätzlich. Das addiert sich dann in 40 Jahren auf 10 Milliarden Tonnen gebundene CO2 pro Jahr. Nach 40 Jahren entsteht durch „Ernten“ und Wiederaufforstung eine zusätzliche CO2-Senke von 10 Milliarden Tonnen pro Jahr. Bilanziell bringt das in den ersten 40 Jahren eine Einsparung von 200 Milliarden Tonnen CO2, dann im steady state alle 10 Jahre weitere 100 Milliarden Tonnen.
Das beschriebene Potential kann genutzt werden, um ambitioniertere CAPs akzeptieren zu können, als dies sonst möglich wäre. Dabei kann zugleich eine nachholende Entwicklung, insbesondere auch in Afrika, massiv gefördert werden. Eine von der Politik gewünschte Null-Emissionssituation in 2050 wird so vielleicht ebenfalls möglich, weil 10 Milliarden CO2-Emissionen für die ganze Welt möglich bleiben, wenn über Nature-based Solutions der Atmosphäre Jahr für Jahr 10 Milliarden Tonnen CO2 entzogen werden können. Das ist die Logik in den in Kapitel 13 diskutierten Szenarien und für den Vorschlag für die aktuelle Politik in Kap. 16.
Wo kommt dieser Ansatz her? Betrachtet man die Klimasituation bezüglich des Umgangs der Menschheit mit ihren Böden, mit Wäldern und landwirtschaftlich genutzten Flächen, stößt man auf unterschiedliche Aussagen. Zum einen scheint es so zu sein, dass zu den etwa 40 Milliarden Tonnen CO2 im Energiesektor noch einmal 10 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen aus der landwirtschaftlichen und weiteren Nutzung hinzukommen. Andererseits scheint die Natur über andere Mechanismen, insbesondere CO2-Aufnahme durch die Meere, bisher auch etwa 10 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr aus der Atmosphäre aufzunehmen. Würde diese Situation erhalten bleiben und würde es gelingen, über Böden und Wälder, wie dargestellt, jedes Jahr zusätzliche 10 Milliarden Tonnen CO2 der Atmosphäre zu entziehen, könnte die Menschheit auf Dauer vielleicht mit 10 Milliarden Tonnen CO2 aus dem Energiesektor – auch nach 2050 – klarkommen. Das würde die Welt jedenfalls absehbar massiv entlasten gegenüber dem in der Politik und in der Wissenschaft diskutierte Null-Szenario ab 2050.
In jedem Fall sollte es das Ziel der Klima-, wie der Land- und Forstwirtschaft sein, die Bilanz bezüglich der biologischen Seite über die nächsten Jahrzehnte deutlich zu verbessern. Wir unterstellen das unten bei der rückschauenden Diskussion von 3 Szenarien. Dies kann in Verbindung mit synthetischen Kraftstoffen den Kohlenstoff-Kreislauf schließen und als Joker wirken.
III. Cap and Trade
9. Cap and Trade-Systeme: Potential und Probleme
Wir diskutieren in diesem Kapitel den für viele Jahre zentralen Ansatz im Klimabereich, nämlich den eines globalen Cap and Trade-Systems zur Lösung des Klimaproblems in der Nachfolge des Rio-Vertrags (1992) und die Chancen, ein solches zu etablieren. CAP bedeutet das Setzen einer Obergrenze für die weltweiten CO2-Emissionen pro Jahr, wobei das CAP über die Jahre absinkt. Die durch das CAP fixierte Menge wird dann zunächst nach einer zu definierenden Logik den Staaten als Eigentum zugeteilt. Die Aufteilung ist der Knackpunkt. Nach Zuteilung können die Berechtigungen untereinander gehandelt werden. Das ist der Trading-Teil. Nach Handel ergeben sich nationale Emissionspotentiale für jeweils ein Jahr, die nicht überschritten werden dürfen. Das müssen bei einem Cap and Trade-System die Staaten auf ihrem Territorium durchsetzen.
Bis Kopenhagen war für uns am FAW/n die verfolgte Position diejenige der meisten, mit dem Thema befassten Wissenschaftler, dass die Welt vernünftigerweise ein voll umfängliches Cap and Trade-System für Klimagasemissionen auf der Basis von Klimagerechtigkeit etablieren solle. Diese sollte vernünftigerweise um massive Aufforstungsprogramme und andere biologische Lösungsbeiträge erweitert werden. Diese Position war rückblickend bis Anfang des neuen Jahrtausends auch adäquat und hätte der Weltgemeinschaft viele Probleme und akute Bedrohungen erspart. Das zeigt unten auch sehr deutlich Szenario 2.
Die heutigen Probleme und die teilweise große Unzufriedenheit mit dem (partiellen) europäischen Cap and Trade-System (zum Beispiel wegen Carbon Leakage Phänomenen und wegen globaler »Unwirksamkeit«), das in der EU als wesentliches Element zur Umsetzung des Kyoto-Vertrags etabliert wurde, wären bei einer globalen Cap and Trade-Lösung nicht aufgetreten.
In den internationalen Verhandlungen ging es dann immer um die Größe des CAP (die weltweit zulässigen Gesamtemissionen in einem Jahr) und seine Absenkung über die Jahre. Und mehr noch um die primäre Zuordnung des CAP-Volumens als Emissionsrechte auf die Staaten – mit der Möglichkeit des Handelns (also Kaufen beziehungsweise Verkaufen) von Rechten (gegen Geldzahlungen) zwischen den Staaten beziehungsweise anderen Interessenten. Das Hauptproblem in den Verhandlungen war die Aufteilung der Rechte, denn daran hängen unter anderem Kaufvolumina und Verkaufschancen und damit erhebliche Geldflüsse. Klimagerechtigkeit ist die Idee, dass jeder Mensch den gleichen Rechteanteil erhält – Jahr für Jahr, wobei die Rechte kollektiv den Staaten zufallen, die dann untereinander die Rechte handeln können. Da das CAP zur Verhinderung einer Klimakatastrophe sinken muss und die Zahl der Menschen wächst, nimmt das durchschnittliche verfügbare Pro-Kopf-Volumen an CO2-Emissionsrechten Jahr für Jahr ab.
Ärmere Länder mit rasch wachsenden Bevölkerungen würden einen Zuwachs dieser Rechte erleben. Reiche Länder würden ärmeren Ländern in großem Umfang CO2-Emissionsrechte abkaufen müssen, um ihre wirtschaftlichen Prozesse weiterführen zu können. Ihr Wohlstand macht das möglich. Die Transfers sind für die Ärmeren das Argument, sich im Rahmen des Cap and Trade-Systems zu beteiligen. Die ärmeren Länder würden anfangs viel zu viele Rechte haben, also viel mehr, als sie für sich selber benötigen – gut für den Verkauf. Die Bürger in den reichen Ländern profitieren von der viel höheren Energieeffizienz ihrer Infrastruktur, Gebäude, Produktionsanlagen etc. Aus einer Tonne CO2 können sie viel mehr Wohlstand ziehen als ärmere Länder. Die ärmeren Länder könnten über die Jahre nachziehen. Sie könnten und sollten die ihnen zufließenden Finanzmittel insbesondere dazu nutzen, mit modernen Technologien immer mehr Wohlstand ohne Zuwachs an CO2-Emissionen zu erzeugen. Ihre Energieeffizienz würde dabei ständig wachsen. Auf diesem Wege würden sie weiter viele Emissionsberechtigungen verkaufen können, deren Wert pro Tonne Berechtigung ständig wachsen würde.
Der Ansatz hätte gut funktionieren können. Dies in Verbindung mit der unten diskutierten Aufteilungslogik der Klimagerechtigkeit vor allem noch 1990 und 2000, wie die Szenarien zeigen. Wir hätten uns als Weltgemeinschaft viele Sorgen in Bezug auf Klimawandel erspart, wenn wir schon vor Jahren ein solches System etabliert hätten. Auch müssten wir dann nicht, wie das heute schon der Fall ist, immer mehr Geld für die Anpassung an den Klimawandel (adaption), also für den Umgang mit Schäden und »Katastrophen« aufbringen, statt mit diesem Geld den Klimawandel von vornherein weitgehend zu verhindern (mitigation).
Unglücklicherweise gab es in den internationalen Verhandlungen keinen Konsens bezüglich der Verteilung der Rechte. Hier lag ein spieltheoretisches Problem im Sinne eines »Prisoner’s Dilemma« vor. Vor allem die reichen Länder, insbesondere die USA, waren prinzipiell nicht bereit, gleiche Pro-Kopf-Ansprüche für die (Jahr für Jahr sinkende) Erstzuteilung von Klimarechten zu akzeptieren. Schon gar nicht waren sie bereit, auf das hohe Bevölkerungswachstum in manchen Ländern mit dem Zugeständnis zu reagieren, dass diesen Ländern auch für all diese vielen neu hinzukommenden Personen die gleiche Emissionsrechtezuteilungen wie für alle anderen Menschen zustehen sollten.
Ein wichtiges Framing-Thema ist bei diesem Zugang schon vor der eigentlichen Frage der Aufteilung der Klimarechte die Betrachtung des Klimaproblems aus Sicht der Staaten. Man hätte aus vielen guten Gründen heraus das Thema alternativ von den Individuen her behandeln können. Ist man einmal bei den Staaten, drängt sich eine strukturelle Differenz in den Vordergrund, nämlich die zwischen Industrieländern und Nichtindustrieländern. Diese Differenz war schon zentral für die UN-Klimakonvention und resultiert letztlich aus der Natur der Vereinten Nationen. Diese entstehen aus Verträgen zwischen souveränen Staaten. Wenn diese Staaten über Lösungen verhandeln, ist für alle Beteiligten klar, dass die Staaten Hauptakteure jeder Betrachtung und Lösung sein müssen.
Noch 1992 waren hohe (pro Kopf) CO2-Emissionen primär in den Industrieländern zu finden, die auch die historische Verantwortung für die zunehmende Belastung der Atmosphäre mit Klimagasen hatten. Der Gesamtumfang an Emissionen war noch »überschaubar«, die Anpassungszwänge waren es auch. Die reichen Länder argumentierten für ein Cap and Trade-System, es sollte aber nicht viel kosten. Das war der prinzipielle Fehler im Framing, vor allem auch mit Blick auf den Umstand, dass jedes weitere Warten die Kosten nur weiter nach oben treiben würde. Das zeigen die 3 Szenarien in Kap. 13 sehr eindrucksvoll.
Warum spricht aus Sicht der mathematischen Ökonomie viel für ein Cap and Trade-System? Ein Cap and Trade-System allokiert CO2-Einsparungen dahin, wo dies zu den geringsten Kosten möglich ist. Und es erreicht immer und genau sein Ziel, wie dies das europäische ETS Jahr für Jahr zuverlässig unter Beweis stellt. Die Denklogik eines solchen Systems war die Basis für das Kyoto-Protokoll. Bis Kopenhagen waren die internationalen Verhandlungen auf die Erweiterung des Kyoto-Protokolls in Richtung eines globalen Cap and Trade-Systems gerichtet. Leider konnte man sich nicht einigen. Man konnte sich insbesondere nicht über die gerechte Verteilung des „Kuchens“ vor Trading einigen. Insbesondere waren – dummerweise – die reichen Länder, dabei ganz besonders die USA, nicht bereit, das schon erwähnte Prinzip der sogenannten Klimagerechtigkeit zu akzeptieren. Dieses erschien ihnen als zu teuer, sie haben gepokert, sie sind beim Pokern gescheitert.
10. Verknüpfung verschiedener Instrumente
Es ist eine Kernidee der in den nachfolgenden Szenarien verfolgten Klimastrategie, ein tragfähiges Klimaregime in der Weise zu etablieren, dass ein „Cap and Trade-System“ mit einem „Programm für Nature-based Solutions“ durchgängig verknüpft wird. Dafür gibt es viele Organisationsformen. Im Weiteren wird exemplarisch eine Lösung beschrieben, die anknüpft an frühere Überlegungen des Autors. Es sind aber auch viele andere Vorgehensweisen denkbar. Zu diesem Zweck müssen die zugelassenen Nature-based Solutions-Projekttypen auf UN-Ebene beschlossen und die Qualität solcher Projekte über Standards und Zertifizierungsprozesse gesichert werden. Dies könnte als Teil des UN-Klimaregimes z. B. über eine UN-Standardisierungs- und Zertifizierungsinstanz organisiert werden. Eine weitere UN-Struktur würde die Zertifikate ausgeben und den Handel der Zertifikate zwischen den Staaten organisieren.
Um die Generierung der Zertifikate vom Nature-based-Typ in erforderlicher Weise massiv anzuregen, könnte eine neu zu schaffende Förderstruktur in großem Stil Finanzierungen für Nature-based Solutions zu günstigen Krediten organisieren. Solche Aktivitäten sind ideale Vertreter grüner Projekte, für die entsprechende Finanzierung öffentlicher und privater Natur auch heute schon in massivem Umfang verfügbar ist und nach Anlagemöglichkeiten sucht. Die internationale Gemeinschaft sollte die bereitgestellten Finanzmittel (weitgehend) von Risiken befreien und einen Mindestzins garantieren. Damit ließe sich auch Spargeld normaler Bürger aktivieren und mit einem (mäßigen) Zins versorgen. Entsprechende Projekte sollten in der Regel über Märkte – meist privatwirtschaftlich – organisiert werden. Internationale Projekte sollten insbesondere die Bereiche Landwirtschaft (Humusbildung), Aufforstung (Holzkohle, Agroforestry), Regenwaldschutz und z. B. Mangroven (Küstenschutz, Stabilisierung der Fischbestände) abdecken.
Es spricht viel dafür, eine neu zu schaffende „Förderstruktur für Nature-based Solutions“ nicht allein bei der UN aufzuhängen. Eine gemeinsame Struktur mit UN-, WTO- und Weltbankpartizipation könnte viele Vorteile haben und würde wahrscheinlich, was das Marktverständnis anbelangt, einer reinen UN-Lösung überlegen sein. Als Folge wäre deutlich mehr Akzeptanz bei den Akteuren vor Ort zu erwarten.
Ein interessantes Instrument innerhalb der Nature-based Solutions, das dem Autor besonders wichtig ist, könnte die Finanzierung von Regenwaldschutz in einer Weise sein, die eine radikale Vereinfachung gegenüber den heutigen Ansätzen, insbesondere REDD+, darstellt. Bei dem vorgeschlagenen Ansatz würden partizipierende Staaten mit Regenwäldern jährlich 50 Euro pro Hektar Regenwald erhalten, wenn sie diesen Hektar ein Jahr lang im ursprünglichen Zustand erhalten. Die Überwachung der Zusagen kann weitgehend aus der Luft bzw. mit Satelliten geschehen. Das erlaubt eine große Reduktion der Zertifizierungskosten. Man könnte zur Begründung der Klimarelevanz statistisch argumentieren, dass dieser Wald ansonsten mit einer Wahrscheinlichkeit von x % in diesem Jahr abgeholzt oder abgefackelt werden würde. Da der Regenwald unter und über der Erde etwa 700 Tonnen CO2 speichert, würde eine Zerstörungswahrscheinlichkeit (z. B. für „Abfackeln“ oder illegale Rodungen) von 0,5 % zu so im Mittel verhinderten 3,5 Tonnen CO2 führen, was bei einer Förderung von 50 Euro pro Hektar einem Zertifikatepreis von etwa 14 Euro entsprechen würde.
Im Allgemeinen, also bei Aufforstung auf degradierten Böden in den Tropen oder Humusbildung in der Landwirtschaft, geht es bezüglich Zertifizierung um Nebeneffekte von Projekten, die aus sich heraus vielfachen Nutzen stiften und ökonomisch für die betreffenden Staaten wie für die jeweiligen Eigentümer von hohem wirtschaftlichen Nutzen sind. Insbesondere wird damit sehr viel werthaltiges neues Eigentum gebildet. Es gibt also eine hohe Wertschöpfung, es entsteht viel neues Eigentum, viele neue Jobs entlang der Wertschöpfungsketten, Steuereinnahmen etc. Am besten organisiert man solche Projekte über den Markt, ermöglicht dabei eine zweite Einnahmequelle über Zertifikate, die Klima und sogenannte Co-Benefits (bezüglich einiger oder aller SDGs) betreffen.
Wo ließe sich das alles durchgängig organisieren? Auch hier sind viele Lösungen denkbar. Eine einfache sieht wie folgt aus: Eine UN-Trading Organization gibt ein Kombizertifikat über die Neutralisierung von je 1 Tonne CO2 heraus, welches einen Prozentanteil eines frei generierten Zertifikats und einen Anteil Nature-based Solutions umfasst. Die Aufteilungswerte pro Jahr sind Teil der betrachteten Szenarien. Zum Startzeitpunkt eines Szenarios (1990 oder 2000 oder 2010) liegt der Nature-based Solutions-Anteil immer bei 0 %, zum Endzeitpunkt der Szenarien 2050 immer bei 100 %.
Die Staaten erhalten ihre Anteile an den Zertifikaten gemäß der CAP-Aufteilung auf Basis des jeweiligen Verteilungsschlüssels – in der Regel Klimagerechtigkeit (also Anteil an der Weltbevölkerung). Die UN-Trading Organization organisiert auch das Trading der Zertifikate zwischen den Staaten. Anschließend verkaufen oder verschenken die Staaten ihre nach Trading verfügbaren Volumina an CO2-Emissionen an die ökonomischen Akteure in ihrem Land gemäß ihrer eigenen Vorstellung zu den Themen Ökonomie, Umwelt und Soziales. Sie müssen sodann dafür sorgen, dass auf ihrem Territorium nicht mehr CO2 emittiert wird, als Zertifikate vorhanden sind. Die UN-Trading Organization kann des Weiteren auch das Stilllegungsregister führen bzw. gemeinsam mit den Staaten organisieren, in dem jedes Zertifikat vermerkt und nach Verrechnung einer zugeordneten Tonne CO2 entfernt wird.
Die Zertifikate kosten bei der Erstzuteilung Geld. Es sind dies einerseits Organisationskosten, andererseits die Kosten für den Erwerb des jeweiligen Anteils an Nature-based Solutions-Einsparungen. Hinzu kommen werden wahrscheinlich, wie im Kyoto-Vertrag, Mittel für spezifische UN-Klimaprogramme zugunsten der ärmeren Länder. Im Kontext der Erzeugung von CDMs des Kyoto-Vertrags fließen dazu 2 Prozent der erzeugten CDMs kostenfrei in den UN-Adaptation Fund.
Die Erzeugung von Zertifikaten sollte auf auskömmlichen Marktprozessen beruhen und entsprechend bepreist sein. Die Akteure müssen damit Geld verdienen können, auskömmliche Jobs sollen in großer Zahl entstehen, Steuern bezahlt werden. Die Abläufe sind markt-basiert und erfolgen in internationaler Konkurrenz. Das wird Monopolpreise verhindern. Zu erwarten ist:
- Die kalkulatorisch benötigte Anzahl von Nature-based Solutions-Beiträgen wird erreicht, u. U. sogar übertroffen. Die Preise liegen deutlich unter den Versteigerungswerten pro Tonne CO2-Emissionsrecht.
- Liegen zu viele Nature-based Solutions-Beiträge zu akzeptablen Preisen vor, kann die UN-Trading Organization diese aufkaufen und als „Reserve“ für die Zukunft vorhalten. Für das Klima wäre diese Situation positiv, d. h. es würde zu dem jeweiligen Zeitpunkt mehr CO2 aus der Atmosphäre gezogen, als geplant.
- Zu teure oder überschüssige Zertifikate müssen die Owner auf dem freiwilligen Markt anbieten.
- Sollten zu wenig Nature-based Solutions-Angebote entstehen, kann man bei der oben diskutierten Förderstruktur mit UN-, WTO- und WB-Beteiligung über mehr Kreditausgaben, günstigere Zinsen, finanzielle Beteiligungen, u. U. auch unternehmerische Partizipation (z. B. stille Beteiligung) nachzuhelfen versuchen. Man muss ggf. relativ hohe Preise akzeptieren.
- Sollte es auch mit größten Anstrengungen nicht gelingen, genügend viele Nature-based-Volumina (in der Höhe der jeweiligen Szenario-Annahme) zu generieren, muss die Welt entweder mit weniger CO2-Emissionen als geplant auskommen (wahrscheinlich bedeutet das weniger wirtschaftliche Leistung und/oder weniger private Aktivitäten, z. B. im Bereich Mobilität – was gut für das Klima wäre) oder sie muss mehr freie Zertifikate erzeugen, was natürlich das Klima stärker belasten würde.
Insgesamt können auf dem beschriebenen Weg die Elemente Cap and Trade und Nature-based Solutions eng integriert und der internationale Verteilungs- und Verkaufsprozess für die Zertifikate relativ einfach organisiert werden. Finanzierungsprobleme für den Nature-based-Anteil werden wahrscheinlich nicht auftreten. In der Tendenz sind auch die Nature-based-Anteile preiswert, da sie (nur) einen Zusatzverdienst zu einer werthaltigen Aktivität darstellen. Zugleich ist es so, dass die Möglichkeit, CO2 zu emittieren, in Richtung auf das Jahr 2050, immer wertvoller werden wird, da ja die weltweiten CO2-Emissionen ab 2050 auf (nur) 10 Milliarden Tonnen gedeckelt sind. Es wird also für derartige Rechte sehr viel Geld bezahlt werden.
11. CAP-Aufteilungsoptionen
Wir untersuchen in Kap. 13 drei Szenarien für Handlungsoptionen, die in den letzten Jahrzehnten nicht genutzt wurden. Alle kombinieren Cap and Trade-Systeme mit einem Programm für Nature-based Solutions, wie dies in Kap. 10 beschrieben wurde. Wir betrachten im Weiteren in Anlehnung an Kap. 9 solche Cap and Trade-Systeme, bei denen Staaten über jährliche zulässige Emissionsvolumina für ihr Territorium verfügen und durchsetzen müssen, dass pro Jahr auf ihrem Territorium nicht mehr als das jeweilige Volumen emittiert wird. Das Gesamtvolumen resultiert aus dem zugeteilten Anteil am Gesamt-CAP gemäß Aufteilungslogik zwischen den Staaten und Verkäufen bzw. Käufen zwischen den Staaten, organisiert über eine oder mehrere jährliche Versteigerungen zwischen den Staaten in der Verantwortung der UN (z. B. über die in Kap. 10 beschriebene UN-Trading Organization). Die Orientierung an den Staaten macht insofern Sinn, als es ja einen engen Bezug zur Wirtschaftspolitik, zum Sozialsystem, zur Energiepolitik etc. des jeweiligen Staates gibt.
Offenbar ist für die Position eines Staates im Rahmen eines Cap and Trade-Systems unter finanziellen Aspekten die Aufteilung des CAP der zentrale Punkt. Dieser Punkt war und ist deshalb auch in den internationalen Klimaverhandlungen immer das zentrale Thema gewesen. Letztlich ist eine Einigung daran gescheitert, dass keine Einigkeit über einen Aufteilungsmodus erreicht werden konnte. Die Aufteilungsfrage ist also ein Schlüsselthema. Den damals bestehenden Möglichkeiten spüren wir im Weiteren nach, und zwar mit Bezug auf Diskussionen, die dazu schon ab 1970 geführt wurden.
Die Diskussionen um die Aufteilung eines CAP betrafen vor allem drei mögliche Aufteilungslogiken, die zu sehr unterschiedlichen Rechten auf der Ebene der Staaten führen, die dann gemäß der Logik eines Cap and Trade-Systems anschließend zwischen den Staaten gehandelt werden können. Der Versteigerungsmechanismus (für die Art der Versteigerung gibt es ebenso verschiedene Optionen) führt zu einem Preis, z. B. für das Recht, eine Tonne CO2 in die Atmosphäre zu entlassen. Da es für Emissionsrechte potentiell viel Geld gibt, ist klar, dass die Primäraufteilung der Rechte sehr umstritten ist. Je niedriger das CAP ist, umso wertvoller werden die Rechte, die tendenziell über den Markt letztlich dort zum Einsatz kommen (sollen), wo man mit einer Tonne CO2 den höchsten ökonomischen Effekt bewirken kann.
Bezüglich der Aufteilungslogik wurden im Wesentlichen drei Ansätze diskutiert: (1) Großvaterprinzip, (2) BIP-Proportionalität, (3) Klimagerechtigkeit. Für die Datenverweise und ausführliche Zahlen werden Tabellen im Anhang des Originaldokuments bereitgestellt.
(1) Großvaterprinzip
Beim Großvaterprinzip wird die zum Festlegungszeitpunkt bestehenden Aufteilung der CO2-Emissionen auf der Seite der Rechte beibehalten – so ähnlich wie heute beim Slot-Management auf Flughäfen. Reden wir also über das Jahr 1990 als Startzeitpunkt für ein neues Klimaregime und hat ein Staat wie die USA zu diesem Zeitpunkt 22 % der weltweiten CO2-Emissionen (damals bei einem Bevölkerungsanteil von etwa 5 % und einem Anteil am Welt-BIP von 26 %), so erhält dieser Staat in den nächsten Jahren (bzw. Jahrzehnten) immer 22 % der jährlichen CO2-Rechte, die in ihrem Gesamtumfang tendenziell absinken werden, egal, wie sich der Anteil seiner Bevölkerung an der Weltbevölkerung (im Fall der USA leicht abnehmend) und der Anteil seines BIP am Welt-BIP (für die USA mal etwas mehr, mal etwas weniger) weiterentwickeln würde.
Ganz offensichtlich war zu der in den Szenarien diskutierten Zeit eine großvaterartige Aufteilung besonders attraktiv für die reiche Welt. Denn dort waren die CO2-Emissionen zum Startzeitpunkt (hier 1990) mit Abstand am höchsten und ebenso das BIP. Die Bevölkerung wuchs dort nur langsam oder gar nicht. Für ein Land wie China, das eine rasch wachsende Bevölkerung mit einem hohen BIP-Wachstum kombinierte, wäre eine solche Lösung sehr ungünstig gewesen. China hätte im Verhältnis zur Referenzsituation (1990) dann nämlich zunehmend deutlich mehr Emissionsrechte gebraucht, hätte diese aber als vergleichsweise armes Land den reichen Ländern abkaufen müssen. Das Bild ändert sich für China übrigens in 2010 und 2020 wegen des massiven Anstiegs der chinesischen CO2-Emissionen. Hier wäre eine großvaterartige Lösung mit diesen Referenzdaten für China mit Anteilen von 27 % bzw. 30 % besonders günstig gewesen.
Es verwundert nicht, dass die reiche Welt für großvaterartige Lösungen plädiert hat („Grandfathering“), die ärmeren Länder dies als zusätzliche Ungerechtigkeit – neben den historischen Verhältnissen – vehement abgelehnt haben. Ungerecht erschien ja schon die bestehende Aufteilung der Emissionen zwischen reichen und armen Ländern, noch ungerechter, dass die reichen Länder deshalb, weil sie als (damaliger) Hauptverursacher des Klimawandels die Atmosphäre schon immer erheblich belastet hatten, nun auch noch preiswerter zukünftige Belastungen würden realisieren können, während es bei den ärmeren Ländern genau umgekehrt aussah. Aus Sicht der ärmeren Länder wären das nicht-tariffähige Hindernisse für den eigenen Wohlstandsaufbau gewesen. Es hätten sich also genau die Verhältnisse ergeben, gegen die Indira Gandhi schon 1972 auf der 1. Weltumweltkonferenz in Stockholm so vehement argumentiert hatte.
(2) BIP-Proportionalität
Bei diesem Ansatz geht man davon aus, dass der Umfang an CO2-Emissionen wesentlich resultiert aus Wirtschaftsaktivitäten und erreichtem Wohlstand eines Landes. Länder mit einer hohen Wertschöpfungsleistung (einem hohen BIP) sollten deshalb einen entsprechenden Anteil an den noch zulässigen weltweiten CO2-Emissionen erhalten. BIP-Proportionalität der Aufteilung ist natürlich attraktiv für die reichen Länder, weil sie relativ zu Bevölkerungsgröße viel BIP auf sich vereinen. Deshalb erhalten sie bei diesem Regime viele Emissionsrechte. Für rasch wachsende Entwicklungs- und Schwellenländer, wie z. B. China, ist der Ansatz ebenfalls attraktiver als eine großvaterartige Aufteilung, weil die in aufholenden Staaten in der Regel deutlich höheren Wachstumsraten der Wirtschaft die ihnen zufallenden Emissionsanteile im Verlaufe der Jahre vergrößern. Negativ sind aber aus Sicht dieser Länder immer noch zwei Effekte: Einerseits sind die anderen (zunächst noch) sehr viel reicher, haben also ein deutlich höheres BIP pro Kopf. Entsprechend fallen an die reichen Länder auch pro Kopf viel mehr Rechte. Außerdem ist in der Regel die Ökoeffizienz der Wirtschaft und der Infrastrukturen der reichen Länder sehr viel besser. D. h., dass reiche Länder pro Einheit Bruttosozialprodukt viel weniger CO2 erzeugen als die sich entwickelnden Länder. Zurzeit (2020) macht dieser Effekt im Vergleich China und Europa mehr als eine Verdoppelung aus.
Das heißt folgendes: Obwohl z. B. die chinesischen CO2-Emissionen mittlerweile höher sind als die europäischen, ist das BIP pro Kopf in Europa mehr als doppelt so hoch wie das chinesische. Wachstumsprozesse à la China gehen also mit hohen CO2-Emissionen einher, für die in einem Cap and Trade-System dann letztlich Zertifikate eingekauft werden müssten. BIP-Proportionalität hilft an dieser Stelle nicht wirklich. Deshalb haben Entwicklungs- und Schwellenländer auch die Aufteilungslogik der BIP-Proportionalität generell abgelehnt.
(3) Klimagerechtigkeit
In dieser Aufteilungslogik erhält jeder Mensch den gleichen Umfang an Emissionsrechten, völlig unabhängig von den tatsächlichen Emissionen oder den Effizienzen der Nutzung. Diese Aufteilungslogik war und ist nachvollziehbar das bevorzugte Modell der Entwicklungs- und Schwellenländer, teils noch erweitert um die Einbeziehung historischer Unterschiede in der Nutzung der Atmosphäre als (kostenlose) Deponie für Klimagase. Diese Aufteilungslogik ist besonders interessant für ärmere Länder mit rasch zunehmender Bevölkerung, relativ kleinem BIP und geringem BIP-Wachstum. Für China wäre Klimagerechtigkeit in 1990 vielleicht akzeptabel gewesen, die Ineffizienzen bei dem sehr hohen BIP-Wachstum über viele Jahrzehnte hätten trotzdem Schwierigkeiten gemacht. Wir diskutieren das unten in den Szenarien. Im Jahr 2000 war diese rasante Wachstumsentwicklung in China allerdings noch nicht klar absehbar.
Klimagerechtigkeit wurde von den reichen Ländern, insbesondere von den USA, massiv abgelehnt und als „Sozialismus“ abgetan. Die reichen Länder haben sich vor allem daran gestört, dass sinkende CAPs auf rasch wachsende Bevölkerungen, z. B. in Afrika, China und Indien, treffen würden. Immer weniger Emissionsrechte mussten in pro Kopf gleichem Umfang auf immer mehr Menschen aufgeteilt werden. Die armen Länder setzen all die wachsenden Anzahlen von Menschen in die Welt und diese zusätzlichen Menschen bekämen identische Ansprüche an den laufend absinkenden, insgesamt verfügbaren Rechten. Stimmen aus den USA sprachen von Kommunismus.
Rückblickend war die Haltung der USA und anderer reicher Länder eine dumme Haltung: kurzfristig gedacht und letztlich sehr teuer. Eine frühzeitige großzügige Geste hätte eine Chance gehabt.
Wir zeigen in diesem Text, dass auf der Basis eines Cap and Trade-Systems vom Typ Klimagerechtigkeit die heutigen großen Herausforderungen im Klimabereich hätten vermieden werden können, und zwar vergleichsweise preiswert. Die reichen Länder hätten sich gut anpassen können. Stark betroffen gewesen wären wohl rückblickend die chinesischen Wachstumsprozesse. Nach vorne schauend gilt das vielleicht auch für die zu erwartende indischen und die afrikanischen Wachstumsprozesse. Dies wird unten diskutiert.
12. Daten zu CAP-Aufteilungen 1990–2020
Wir untersuchen nachfolgend naheliegende CAP-Aufteilungen in der fraglichen Periode 1990–2020. Im Anhang des Originaltexts findet sich dazu ein umfangreicher Datenüberblick. Ein Teilausschnitt gibt Tabellen mit relevanten Prozentzahlen wieder, auf die wir uns im Weiteren beziehen.
Aus den Tabellen lässt sich ablesen, wie sehr die verschiedenen Aufteilungslogiken und die Basiszeitpunkte sich auf die Primärzuteilung von Emissionsrechten ausgewirkt hätten.
So wird deutlich, dass die USA sehr gut mit dem Großvaterprinzip fahren. Ist 1990 das Basisjahr, erhalten sie 22 % der Emissionsrechte, bei Basisjahr 2020 immer noch 14 %. Dies bei weniger als 5 % der Weltbevölkerung über den gesamten Zeitraum. Für Europa/OECD sind es immerhin noch 18 % in 1990 und 10 % in 2020, dies bei einer mehr als 50 % größeren Bevölkerung als die USA. Für Indien und Afrika ist das Großvaterprinzip allerdings völlig inakzeptabel. Afrika bleibt unter 4 % der weltweiten Emissionsrechte bei einer Bevölkerung, die von 12 % in 1990 auf 17 % in 2020 anwächst, Indien liegt zwischen 2,7 % und 7,3 % der Emissionsrechte bei einer Bevölkerung, die von 16 % in 1990 auf 18 % der Weltbevölkerung in 2020 anwächst.
Für China ist das Bild anders. Nimmt man 1990 als Basisjahr, erhält China bei Anwendung des Großvaterprinzips (nur) einen Primäranteil an Emissionsrechten von 12 %. Dieser wächst dann allerdings über die Stationen 15 % (Jahr 2000) und 27 % (Jahr 2010) auf 30 % (Jahr 2020) an. Bemerkenswert ist der Sprung zwischen den Jahren 2000 und 2010 – fast eine Verdoppelung. Der chinesische Anteil an der Weltbevölkerung sinkt parallel dazu von 22 % in 1990 auf 19 % in 2020. Für China wäre eine großvaterartige Aufteilung mit Basisjahr 2020 besonders attraktiv. Das wurde aber nie thematisiert, da mit dem Scheitern von Kopenhagen ein globales Cap and Trade-System nicht mehr auf der Tagesordnung der Weltklimapolitik stand.
Betrachtet man die Situation aus Sicht der BIP-Proportionalität, ergeben sich für die USA Anteile an den Emissionsrechten zwischen 26 % (1990) und 24 % (2020). Die europäischen Werte bewegen sich von 33 % in 1990 abwärts zu 22 % in 2020. Dabei nimmt allerdings der Anteil an der Weltbevölkerung von 8,4 % auf 6,4 % ab. Die indischen Werte wachsen von 1,4 % hoch auf 3,5 %, die afrikanischen bewegen sich von 2,4 % bis auf 3,1 %. Da in dieser Zeit die indische Bevölkerung von 16 % auf 18 % und die afrikanische von 12 % auf 17 % anwächst, ist klar, dass BIP-Proportionalität für diese Staaten völlig inakzeptabel ist. Für China ist die BIP-Situation dadurch geprägt, dass der chinesische BIP-Anteil von 1,7 % in 1990 über 3,6 % in 2000 und 9,2 % in 2010 auf 17 % in 2020 anwächst. Die Steigerung der Anteile ist gigantisch, fast eine Verdreifachung zwischen 2000 und 2010 und fast eine weitere Verdoppelung zwischen 2010 und 2020. Dieses Wachstum ist das entscheidende Element in der Veränderung der weltweiten Klimasituation in den letzten Jahrzehnten. Der Effekt kann auch in der Referenzgrafik verfolgt werden. Bemerkenswert ist dieser hohe Anstieg umso mehr, als es in 2008–2010 keinen CO2-Anstieg gab, und zwar wegen der Weltfinanzkrise.
Für China ist eine Orientierung am BIP (BIP-Proportionalität) mit 17 % in 2020 vergleichbar zu einer Orientierung an der Bevölkerungsgröße (Klimagerechtigkeit) mit 19 %. Zufriedenstellend wäre das aber alles nicht, da die chinesischen CO2-Emissionen in 2020 bei 30 % der Weltemissionen liegen. Dies ist auch eine Folge der starken Konzentration auf Produkte für den Export und die vergleichsweise schlechte CO2-Effizienz des Landes. China muss also überproportional viele CO2-Emissionen aufbringen, um eine bestimmte Größenordnung BIP zu erzeugen, z. B. im Verhältnis zu den USA.
Was fällt beim Studium der Zahlen besonders auf? Der entscheidende Wandel in der betrachteten Zeitspanne 1990–2020 liegt zwischen den Jahren 2000 und 2010. Es ist der in kurzer Zeit erfolgende dramatische CO2-Emissionszuwachs in China, der die weltweite Klimasituation in ganz kurzer Zeit massiv verändert (verschlechtert) hat. Was das bezüglich der Anteile heißt, wurde bereits diskutiert: der chinesische Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen wächst von 12 % auf 30 %. Interessant sind aber auch die absoluten Werte. China beginnt 1990 mit 2,7 Milliarden Tonnen CO2, etwa 50 % des damaligen US-Wertes mit 5 Milliarden Tonnen. 2020 hat sich das Bild völlig gedreht. Die USA liegen immer noch bei 5,1 Milliarden Tonnen, die Chinesen bei 10,5 Milliarden Tonnen, mehr als das Doppelte des US-Wertes. Eine Veränderung in 30 Jahren um etwa den Faktor 4 im Verhältnis zwischen China und den USA. Europa/OECD bewegt sich übrigens in diesem Zeitraum von 4 Milliarden Tonnen runter auf 3,7 Milliarden Tonnen. Die Werte für Afrika und Indien sind über die ganze Zeit hinweg sehr niedrig. Die Durchschnittsemissionen sind natürlich ebenso bedeutsam.
IV. Was wäre wann möglich gewesen?
13. 3 Szenarien: 1990, 2000, 2010
Der vorliegende Text betrachtet in grober Annäherung die Zeitpunkte 1990, 2000 und 2010 als Momente verpasster Chancen. Warum diese Zeitpunkte gewählt wurden, wurde oben schon beschrieben. Es gab damals jeweils einen weit entwickelten Diskussionsstand, z. B. 1990 in der Vorbereitung der Rio-Konferenz, auf der ja dann die Weltklimakonvention 1992 verabschiedet wurde. 2000 ging es um die Umsetzung des in 1997 vereinbarten Kyoto-Protokolls, 2010 um eine kluge Lösung für die entscheidende Weltklimakonferenz in Kopenhagen.
Wir analysieren die Möglichkeiten, die zu diesen drei Zeitpunkten bestanden hatten, in Form von drei Szenarien, die durch die Jahreszahlen 1990, 2000 und 2010 charakterisiert werden. Aus Vereinfachungsgründen wie von der Verhandlungssituation her wird jeweils eine Cap and Trade-Lösung im Rahmen von Klimagerechtigkeit betrachtet, bei der das Emissionsniveau zunächst eingefroren und dann ab 2025 linear auf 10 Milliarden Tonnen CO2 abgeführt wird. Durch Koppelung mit einer Einbeziehung negativer Emissionen (Nature-based Solutions), die gleichmäßig über 40 Jahre ausgebaut werden, wird ein finaler Zustand mit 10 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen realisiert. Dabei werden im Sinne von Kap. 10 verschiedene Instrumente integriert. Offenbar stellt sich die Situation je besser dar, je früher man mit einem derartigen Programm begonnen hätte.
Von zentraler Bedeutung ist der Umgang mit den Nature-based Solutions, also Aufforstung, Humusbildung etc. Wie oben dargestellt, ist über 40 Jahre kontinuierlicher Aufbau ein Einsparpotential von 200 Milliarden Tonnen vorhanden. Von da an sind im steady state pro Jahr 10 Milliarden Tonnen CO2-Entzug aus der Atmosphäre möglich. Der Ansatz hat die höchste politische Plausibilität, wenn er mit dem Zertifikatesystem klug verknüpft wird. Die Folgen werden unten noch diskutiert. Es bleiben dann höhere CO2-Werte im Sinne eines CAP möglich, obwohl die Atmosphäre im Sinne einer bilanziellen Belastungslinie weniger mit CO2 belastet wird, final im Jahr 2050 mit dem Wert „Null“. In 2050 erlaubt dies der Weltgemeinschaft also noch 10 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen, obwohl die Atmosphäre durch menschliches Tun überhaupt nicht mehr zusätzlich belastet wird.
Szenario 1990 (Kurzbeschreibung)
Das Hauptszenario ist ab 1990 ein globales Cap and Trade-System auf Basis der Klimagerechtigkeit. In diesem Szenario werden für die Zeit nach 1990 die CO2-Emissionsrechte in pro Kopf gleichem Umfang zugeordnet mit einem CAP, das genau dem damaligen Emissionsniveau von 23 Milliarden Tonnen pro Jahr im Energiesektor entsprach. Das CAP wird im Szenario bis 2025 auf diesem Niveau gehalten. Dieses wäre insbesondere dadurch ermöglicht worden, dass in das CAP der Joker „Nature-based Solutions“ integriert worden wäre. Durch diese Koppelung und die rechtzeitige Umsetzung wäre die Bilanz gegenüber der tatsächlich eingetretenen Entwicklung deutlich günstiger ausgefallen, so dass das 2 °C-Ziel mit großer Sicherheitsmarge erreichbar gewesen wäre.
Kurz: Ein Einstieg 1990 hätte die größten Vorteile erbracht – bei relativ moderaten Kosten im Vergleich zur jetzigen Lage.
Szenario 2000 (Kurzbeschreibung)
Geht man statt zum Jahr 1990 nach 2000 als weiteres Szenario über, ist man in der zeitlichen Nähe des Kyoto-Protokolls. Damals wurde eine Art von Cap and Trade-System vereinbart, zumindest für die Industrieländer. Man kann sich fragen, was passiert wäre, wenn man dieses System unter der Idee der Klimagerechtigkeit, verbunden mit der Einbeziehung der Nature-based Solutions, auf den ganzen Globus erweitert hätte. Die Situation stellt sich dann schwieriger dar als 1990, aber sie wäre noch machbar gewesen. Ein Start in 2000 hätte eine moderate Lücke verursacht, die über Nature-based Solutions und Einsparprogramme geschlossen werden könnte.
Szenario 2010 (Kurzbeschreibung)
Das dritte Szenario bezieht sich auf das Jahr 2010, nach dem Scheitern von Kopenhagen. Hier sind die Verhältnisse bei weitem enger. Die chinesischen Emissionen sind zwischen 2000 und 2010 stark gestiegen. Ein CAP auf dem dann bestehenden hohen Niveau (etwa 30 Milliarden Tonnen pro Jahr) würde einen viel strengeren und teureren Pfad erfordern, um noch in die Nähe des 2 °C-Ziels zu kommen. Nature-based Solutions wären weiterhin zentral, müssten aber deutlich schneller aufgebaut werden und der Privatsektor massiv aktiviert werden.
14. Machbarkeit, Lastenaufteilung, Konsequenzen
Der in den Szenarien beschriebene Weg wäre relativ sozialverträglich in 1990 und noch in 2000 für alle Beteiligten machbar gewesen. Auch die Bedingungen für die Einhaltung des 1,5 °C-Ziels wären vergleichsweise leicht zu erfüllen gewesen. Dies gilt übrigens auch für die Erfüllung des Toronto-Ziels aus 1988 für das Jahr 2050 (50 % bis 2050) ebenso für das aktuelle IPCC-Ziel von 45 % Reduktion bis 2030 im Verhältnis 2010 zur Erfüllung des 1,5 °C-Ziels. Allein schon die Durchsetzung des CAP auf 23 Milliarden Tonnen pro Jahr im 1990-Szenario hätte der Welt bis zum heutigen Zeitpunkt etwa 200 Milliarden Tonnen Emissionen erspart. Für die nächsten Jahrzehnte kommt hilfreich hinzu, dass man sich nur etwa auf dem halben heutigen Emissionsniveau befunden hätte. Weitere Absenkungen wären also viel moderater gewesen. Man beachte, dass der heute erforderliche Weg zu niedrigen weltweiten CO2-Emissionen im Energiesektor zunächst die harte Strecke von 37 Milliarden Tonnen hinunter auf 23 Milliarden Tonnen bewältigen muss, ehe man da ankommt, wo man in Szenario 1 beginnt. Die Nature-based Solutions hätten zusätzlich als eine Art Joker ebenfalls viel geholfen. In Szenario 1 (1990) geht es um 400 Milliarden Tonnen Emissionseinsparungen bis 2050.
Interessant ist zu überlegen, wer in diesem Prozess wie belastet worden wäre. Natürlich hätte es die USA mit den hohen Pro-Kopf-Emissionen getroffen. Die USA haben aber z. B. in den letzten 10 Jahren bewiesen, dass sie ihre Emissionen relativ einfach absenken können. Als reiches Land hätten sie auch die Kosten zum Kauf benötigter Emissionsrechte tragen können. Die Europäer wären nicht viel anders gefahren, als sie das ohnehin getan haben und tun. Massiv anders hätte sich die Situation für China dargestellt. China hätte wahrscheinlich nicht dasselbe Wirtschaftswachstum realisieren können, wie das rückblickend seit 1990 der Fall ist. Ein reduziertes Wachstum, verbunden auch mit Ausgaben zum Kauf von Zertifikaten, wäre zu erwarten. Das hätte dann die Wachstumsraten überall auf der Welt reduziert. Auf der Gegenseite würden China und seine Bevölkerung heute weniger klimatische und gesundheitliche Probleme haben. Für Afrika und Indien, für die die entsprechenden massiven Wachstumsprozesse jetzt erst anstehen, hätte sich die Situation irgendwann sehr verschärft, wobei Corona das Bild wieder sehr verändern kann.
Das CO2-Wachstumspotential für Afrika und Indien ist erheblich. Für viele Staaten dort bedeutet das, dass ein zukünftiges Wachstum ohne internationale Kooperation und Unterstützung in eine massive Belastung des Klimas führen würde. Daher sind internationale Transfers und eine kluge Aufteilung der Emissionsrechte zentral für Gerechtigkeit und Machbarkeit.
15. Bewertungen und Schlussfolgerungen
Wir haben als Weltgemeinschaft die in den 3 Szenarien beschriebenen Optionen leider nicht genutzt. Vielleicht würde die Weltgemeinschaft heute, in Kenntnis der aktuellen Problemlage, in 1990 ähnlich wie in Szenario 1990 handeln, weil man sich so relativ preiswert viele Probleme hätte ersparen und über die Nature-based Solutions sehr sinnvoll Wachstumsvolumen in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern hätte in Gang setzen können. Keine Blase, wirkliche Assets. Und Geldgeber überall auf der Welt hätten sich beteiligen können – Partizipation beim Wohlstandaufbau und bei der Generierung von Zinseinnahmen.
Das hat sich jetzt natürlich alles erübrigt. Heute können wir allerdings überlegen, was unsere heutigen Optionen sind und was man aus den nicht genutzten Optionen lernen kann. Wahrscheinlich werden wir auch neue Überlegungen wiederum nicht vernünftig nutzen und damit unsere Situation weiter erschweren. Vernünftig wäre es, den Paris-Vertrag im Sinne eines Cap and Trade-Systems vernünftig zu härten, was insbesondere viel größere Transfers im Sinne eines Klimafinanzausgleichs von den reichen Ländern zu den ärmeren Ländern beinhalten müsste. Dabei wird man Klimagerechtigkeit als Orientierungslinie benutzen, aber – z. B. bei China – auch die BIP-Proportionalität mit in die Überlegungen einbeziehen. Vielleicht kann man auch die Paris-Zusagen in Anteile für ein vereinbartes CAP übersetzen. Wahrscheinlich muss ein erweiterter Klimafinanzausgleich von reichen zu anderen Ländern hinzukommen.
Sicher ist eine Verstärkung der zugesagten 100 Milliarden Dollar Klimafinanzausgleich pro Jahr erforderlich, wobei bezüglich der 100 Milliarden Dollar heute unklar ist, wo sie herkommen sollen. Ein Beispiel für einen entsprechenden Mitteleinsatz sind die Projekte der Klimazusammenarbeit, wie sie Deutschland mit mehreren Ländern bereits betreibt, nämlich in Form sogenannter NDC-Partnerschaften. Das ist eine Form substantieller Investitionen der reichen Welt in weltweite Klima-Maßnahmen. Man könnte solche Investitionen auch ersatzweise über eine starke Motivierung des Privatsektors für freiwillige Maßnahmen erreichen, wie dies etwa die Allianz für Entwicklung und Klima versucht. Hier könnten beispielsweise die Staaten, auch Deutschland, noch eine Menge mehr tun, um private Akteure zu motivieren, etwa über gesicherte steuerliche Anerkennung dieses privaten Engagements. Immer müsste dafür bezahlt werden, wenn jemand CO2 emittiert. Deutschland versucht das jetzt mit einer CO2-Steuer, die dann aber z. B. (leider) in Aufladepunkte für Elektroautos übersetzt wird, nicht in internationale Aufforstmaßnahmen.
Das ist aus Sicht dieses Textes keine kluge Lösung. Man sollte das Geld eher in die Nature-based Solutions investieren, z. B. in Afrika, damit der Atmosphäre das CO2 entzogen wird, das an anderer Stelle durch unsere Aktivitäten in die Atmosphäre eingetragen wurde. Das wäre dann auch ein Weg zur Internalisierung verursachter externer Kosten. Würde man das konsequent machen, würde man insbesondere massiv auch in die synthetischen Kraftstoffe investieren, sich von ideologischen Scheuklappen freimachen, wegkommen von einer All-Electric-Philosophie, wegkommen von einer primär auf Elektroautos gerichteten Strategie im Automobilsektor, wegkommen von einer primär auf die energetische Sanierung von Häusern gerichteten Strategie bei der Wärme; hätten wir in internationaler Zusammenarbeit durchaus eine Chance. Natürlich mit viel größeren Schwierigkeiten, als wir sie in 1990, 2000, 2010 gehabt hätten. Immer noch gibt uns aber auch 2020 Optionen, aber es spricht viel dafür, dass wir auch diese nicht adäquat nutzen werden. Es ist fast schon tragisch, dass wir immer nur reagieren, wenn der „Bagger bereits im Wohnzimmer steht“, wenn also die Katastrophen offensichtlich werden. Es ist dann schon sehr spät.
Tragisch ist auch, dass wir in naiver Fixierung auf das lokale, von uns unmittelbar beeinflussbare Umfeld, nicht bereit sind, uns massiv dort zu engagieren, wo die großen Hebel liegen, sondern da, wo wir meinen, die Dinge kontrollieren zu können. Das erinnert an folgenden Witz. „Jemand sucht nachts auf einem Autobahnparkplatz am Boden unter einer Straßenlaterne nach einem Gegenstand. Jemand will helfen und fragt, ob er hier etwas verloren hat. Die Antwort ist nein, er habe ganz woanders etwas verloren, aber da sei es dunkel. Hier gibt es wenigstens Licht“. Der Witz macht vielleicht klar, warum wir uns so schwertun. Das internationale Engagement könnte helfen, aber es ist so schwierig und vielleicht aussichtslos. Das nationale Engagement führt zu Erfolgen, die aber insgesamt dann doch viel zu klein sind, deshalb von vornherein das bestehende Problem nicht lösen können.
Warum ist das Internationale so schwer? Das zeigt exemplarisch der Brexit, ein vergleichsweise viel einfacheres Problem, nicht mit 200 Staaten, sondern in einem, zudem in einem Staat mit einer klaren Governance und der Möglichkeit der Mehrheitsentscheidung und der Durchführung von Wahlen. Selbst da gab es und gibt es ein unermüdliches Ringen mit harten Bandagen um die Frage, was man denn tun soll, weil es eben immer so viele Meinungen und so viele Betroffene und so viele Interessen und Betroffenheiten gibt und es schwierig ist, sich mit großer Mehrheit zu einer kohärenten Lösung durchzuringen, selbst wenn fast alle von dieser kohärenten Lösung letztlich profitieren würden. Es ist dies die sogenannte „Tragödie der Almende“, es ist dies ein Auswuchs einer sogenannten „Gefangenendilemma“, es ist auch der Ausfluss von „Unmöglichkeitstheoremen“ aus der mathematischen Theorie der Demokratie/Mehrheitsbildung. Es ist deshalb objektiv schwierig, sich beim Klima auf etwas zu verständigen, aber vielleicht zeigen uns doch die letzten 30 Jahre rückblickend, wo man jetzt endlich und zügig hin sollte.
Der aktuelle Weltklimavertrag (Paris) ohne Bindungscharakter und ohne Sanktionsmechanismen auf Basis freiwilliger Einzelzusagen der Staaten muss gehärtet werden. Internationale Zusammenarbeit im Sinne eines Trading muss rasch verabredet werden. Aktuell gelingt 5 Jahre nach Paris immer noch keine Einigung über Kooperationsmechanismen zwischen Staaten bzw. zwischen Staaten und mit Unternehmen (siehe Klimakonferenz in Madrid), weil z. B. viele NGOs nur mit dem einen Thema beschäftigt sind, bei solchen Mechanismen (à la CDM des Kyoto-Protokolls) die Gefahr von Doppelzählungen zu vermeiden. Man scheint sich dort nicht dafür zu interessieren, wo das Geld herkommen soll, um überhaupt aktiv zu werden. Dagegen wird mit Begriffen wie „Freikauf“, „Ablasshandel“ und „Greenwashing“ argumentiert, wenn sich jemand statt in Deutschland in Entwicklungs- und Schwellenländern engagiert, obwohl gerade da die Entscheidung über das Klimathema fallen wird. Wer so Aktivitäten verunmöglicht, die denkbar sind, weil es aus seiner Sicht bessere gibt (die aber aus Sicht des Autors keine Chance zur Umsetzung haben), tut so, als hätten wir immer noch beliebig viel Zeit.
Insgesamt ist das eine ziemlich hoffnungslose Lage, da wir auch in der Zeit von 2015–2020 nicht besser waren als in der im Text dargestellten Vertragskurve (Paris). Tatsächlich zeigt eine aktuelle Schätzung der U.S. Energy Information Administration einen noch ungünstigeren Verlauf als die frühere FAW-Referenzkurve. Dies alles motiviert einen aktuellen „Hilferuf“ des Club of Rome.
16. Vorschlag für ein politisches Programm ab 2020/2025
Wir schließen die Szenarienanalyse mit einem Vorschlag für ein politisches Zukunftsprogramm im Klimabereich, der vielleicht politisch umsetzbar wäre. 2020/2025 wird dann zu einem 4. Szenario. Daran anschließend folgen noch einige Hinweise, wie die aktuelle Corona-Krise das Bild weiter verändern könnte.
Wie sieht der Vorschlag an die aktuelle Politik aus? Für die Zeit 2020–2025 unterstellen wir Konstanz der Emissionen auf dem Wert von 2020. Das wirkt wie ein konstantes CAP für 5 Jahre. Die Einhaltung soll vor allem durch die Motivation von Akteuren des Privatsektors zu individuellen, freiwilligen Leistungen erreicht werden, wie dies die Allianz für Entwicklung und Klima verfolgt. Politische Entscheidungen der Weltgemeinschaft für verpflichtendes Regierungshandeln mit Wirkung in den Märkten sind also erst bis 2025 erforderlich – sie wären auch vorher nicht erreichbar. Unterstellt werden dann im Bereich der Politik mutige, koordinierte Entscheidungen unter dem Druck der Verhältnisse, die dann ab 2025 umgesetzt werden.
Ab 2025 soll das CAP linear auf 10 Milliarden Tonnen in 2050 heruntergefahren werden. Das Ganze wird mit einem forcierten Nature-based Solutions-Programm verknüpft, das in nur 25 Jahren in einem sehr großen Ausbauprogramm (400 Millionen gebundene Tonnen CO2 pro Jahr) auf ein jährliches Volumen von 10 Milliarden Tonnen CO2 führt. Insgesamt resultiert aus dem beschriebenen Programm ein CO2-Volumen von 829 Milliarden Tonnen für den Zeitraum 2015–2050. Natürlich wird zu viel CO2 für das 2 °C-Ziel emittiert, aber mit einer Lücke von etwa 230 Milliarden Tonnen ist die Situation doch viel besser als die 600 Milliarden-Lücke im Status Quo. Betrachten wir die 3 Szenarien und den Vorschlag für ein Programm ab 2020/2025 in ihren über die Jahrzehnte abnehmenden Lösungspotentialen, ergeben sich Feststellungen für die Toronto-Ziele und den aktuellen IPCC-Vorschlag bis 2030. Die Szenarien 1 und 2 heben sich positiv hervor.
Zur praktischen Prüfung: Die Toronto-Ziele aus 1988 forderten für 2005 eine 20 % Minderung, für 2050 eine 50 % Minderung gegenüber dem Emissionsstand von 1988. Der Emissionsstand von 1988 betrug 22 Milliarden Tonnen, 80 % sind 17,6 Milliarden Tonnen, 50 % sind 11 Milliarden Tonnen. Man prüft leicht nach, dass in keinem der unten betrachteten Szenarien der Zielwert für 2005 erreicht wird. Da alle Szenarien und auch der Zukunftsvorschlag ab 2020/2025 in 2050 die tatsächliche Belastung Null aufweisen, erfüllen alle betrachteten Vorschläge die Forderung für 2050.
Das IPCC fordert zur Erreichung des 1,5 °C-Ziels eine Absenkung der weltweiten CO2-Emissionen um 45 % im Verhältnis zur Situation in 2010 bis 2030. Die weltweiten Emissionen im Energiesektor in 2010 betrügen etwa 32,5 Milliarden Tonnen. Obergrenze für 2030 gemäß IPCC sind 55 % dieses Wertes, also 17,9 Milliarden Tonnen, wenn das 1,5 °C-Ziel noch erreicht werden soll. In Szenario 1 liegen die Emissionen in 2030 bei 10,4 Milliarden Tonnen, in Szenario 2 bei 14,1 Milliarden Tonnen. Die IPCC-Forderung ist also erfüllt. Für Szenario 3 ist der entsprechende Wert 23 Milliarden Tonnen, für das Zukunftsszenario in Kap. 16 sind es 31 Milliarden Tonnen, d. h. die IPCC-Forderung wird nicht erfüllt.
Interessant ist schließlich auch die Frage, welche Beiträge in dem schrittweisen Aufbau der Szenarien pro Jahrzehnt geleistet werden. Eine Betrachtung ab 1990 zeigt Einsparungen pro Jahrzehnt und die kumulative Wirkung bis 2050. Deutlich wird die zentrale Rolle des Jahrzehnts von 2010–2020. Durch das hohe Wirtschaftswachstum in China und die rapid wachsenden CO2-Emissionen in diesem Jahrzehnt ist entscheidend, ob man ab 2000 mit einem Cap and Trade-System arbeitet oder erst ab 2010. In den Grafiken ist dieser große Sprung zwischen 2000 und 2010 gut zu sehen. In 2008–2010 kommt es dabei zu einem Stillstand, also kein weiteres Wachstum der Emissionen. Das ist eine Folge der schwierigen ökonomischen Situation der Welt nach der großen Weltfinanzkrise von 2008–2010.
Zum Abschluss folgt noch eine kurze Einschätzung zur Corona-Pandemie und ihren Einfluss auf das Thema Klimaschutz. Die Corona-Krise entfaltete sich während der Forschungsarbeiten zu diesem Text. Die Krise ist noch nicht vorüber, und sie wird Einfluss auf die weitere Entwicklung im Klimabereich haben. Aus Sicht des Autors werden die resultierende deutlich schlechtere finanzielle Situation vieler Bürger, die resultierende hohe Verschuldung der Staaten in der reichen Welt, die großen zu erwartenden Probleme und Veränderungen in den Gegebenheiten und Prozessen der globalen Ökonomie und die allgemeinen Verunsicherungen zur Folge haben, dass die CO2-Emissionen in den reichen Ländern niedriger sein werden im Verhältnis zur Situation ohne die Corona-Krise. Andererseits werden die Staaten ihre Anstrengungen für das Klima vorsichtiger dosieren, um die Wirtschaft nicht zusätzlich zu belasten. Diese beiden Effekte könnten sich insgesamt ausgleichen.
Viel wichtiger als die reichen Länder sind bezüglich der weiteren Entwicklung im Klimabereich wahrscheinlich die Entwicklungs- und Schwellenländer, allen voran die Staaten in Afrika, Indien und Südostasien. Für viele dieser Staaten kann der weitere Verlauf der Krise noch sehr belastend werden. Das gilt insbesondere aufgrund indirekter Effekte des Lockdowns. Schon jetzt haben viele Gesundheitszentren aus Angst vor Corona geschlossen bzw. behandeln keine Malaria-, Tuberkulose- oder HIV-Fälle mehr und reduzieren auch ansonsten die normale medizinische Betreuung. Gerade für die vielen Armen ist das eine Katastrophe. Außerdem bricht die Wirtschaft massiv ein. Dies wird den erhofften graduellen Umbau der Energiesysteme in diesen Ländern in Richtung erneuerbarer Energien weiter verlangsamen, was natürlich schlecht für das Klima wäre. Wahrscheinlich wird die Realität aber anders aussehen. Für das Klima wird sich positiv auswirken, dass die in den letzten Jahren begonnenen wirtschaftlichen Entwicklungsprozesse in diesen Ländern eine deutliche Verlangsamung erleben werden. Die Armut wird noch lange nicht überwunden werden, unter Umständen werden sich die Verhältnisse gegen den Status Quo temporär sogar wieder verschlechtern. Dies ist mit Blick auf diese Länder und ihre Bürger eine sehr unfaire Entwicklung und unter Gerechtigkeitsaspekten emotional kaum auszuhalten. Derartige Gerechtigkeitsüberlegungen interessieren eine Pandemie aber leider nicht.
Schlusswort
Die Weltgemeinschaft hatte 1990 und 2000 aussichtsreiche, damals diskutierte Optionen zur Beherrschung der Klimaproblematik mit Hilfe eines klugen weltweiten Klimaregimes. Kurzsichtigkeit und Uneinsichtigkeit, vor allem der reichen Staaten, hatten zur Folge, dass diese Optionen nicht genutzt wurden. Heute träumt die Weltgemeinschaft und träumen viele Aktivisten vom 2 °C-Ziel oder sogar 1,5 °C-Ziel und verfolgen zu Hause teure Strategien, deren Wirkung auf die entscheidenden Größen im Klimabereich allerdings marginal ist. Es gibt kaum noch Hoffnung, das Paris-Ziel zu erreichen. Der Beitrag gibt Hinweise darauf, wie ein rigoroses Programm aussehen sollte, wenn man auf die vorgelegten Analysen der verpassten Chancen im Klimabereich aufbauen und aus den gemachten Fehlern lernen will.
Mit Blick auf das 2 °C-Ziel zeigt eine Analyse, dass sich die Lücke zwischen den Szenarien und der tatsächlichen Entwicklung in den Jahrzehnten verteilt und dass der massive Anstieg der chinesischen Emissionen im Zeitraum 2000–2010 eine zentrale Rolle spielt. Die rigorose Politik, die ab 2025 vorgeschlagen wird, spart weitere Emissionen. Die Nature-based Solutions leisten in den Szenarien substanzielle Beiträge. Deutlich wird, wie wichtig es ist, ein CAP-Regime mit der Nature-based-Seite zu koppeln, wenn man größere Wirkungen erzeugen will.
Literatur (Auswahl)
Die Originalarbeit enthält eine umfangreiche Literaturliste. Quellen umfassen unter anderem Berichte des IPCC, WBGU, FAW/n-Publikationen, Club of Rome, Arbeiten zu Methanolökonomie, Nature-based Solutions sowie Studien zu Energieprognosen (IEA, EIA) und zahlreichen Fachpublikationen.
Danksagung
Der Autor dankt für Datenanalysen und Unterstützung bei Grafiken und Tabellen sowie für fachliche Diskussionen, die die Grundlage der Darstellung bildeten.
Grafik 1(siehe PDF-Dokument)
Grafik 2(siehe PDF-Dokument)
Grafik 3(siehe PDF-Dokument)
Grafik 4(siehe PDF-Dokument)

