Hintergrundpapier

GES-Stellungnahme zum Bericht des Bundesrechnungshofs vom 28.10.2025 zur Umsetzung der Wasserstoffstrategie

Global Energy Solutions e.V.

PDF
Inhaltsangabe

Wasserstoffwirtschaft in Deutschland als zu teuer, unzureichend geplant und mit erheblichen finanziellen Risiken für den Bundeshaushalt verbunden. Trotz milliardenschwerer Förderungen würden die gesteckten Ziele verfehlt. Der BRH fordert einen Realitätscheck eine zielgerichtete Ausgestaltung der Maßnahmen sowie ein regelmäßiges Monitoring.

GES hatte bereits im Frühjahr 2024 veröffentlicht, dass grüner Wasserstoff (H2) viel teurer wird als von ambitionierten Forschungsinstituten prognostiziert und von der Ampel-Regierung unterstellt. GES hatte auch prognostiziert, dass statt 10 GW laut Nationaler Wasserstoff-Strategie nur etwa 2-3 GW Elektrolysekapazität in Deutschland 2030 in Betrieb sein werden. Insofern ist der Realitätscheck überfällig und in der Ausplanung für H2- und Strom-Netze realistischer und pragmatischer vorzunehmen.

Der BRH stellt fest, dass der Aufbau von Produktion, Netzen, Speichern und Transportinfrastruktur für Wasserstoff enorme Investitionen erfordert. Für 2024 und 2025 wurden bereits über 7 Mrd. € an Steuergeldern bereitgestellt, darüber hinaus bestehen langfristige finanzielle Verpflichtungen in Milliardenhöhe bis 2030.

GES weist darauf hin, dass von den 7 Mrd. € 80 % der Mittel für neue Direktreduktions(DRI)-Anlagen in der Stahlindustrie sind: Förderbescheide über 2 Mrd. € an ThyssenKrupp, 2,6 Mrd.€ an Saarstahl und 1 Mrd.€ an Salzgitter. Diese DRI-Anlagen können mit Erdgas, aber auch Wasserstoff betrieben werden. Somit sind diese Förderungen der Transformation der Stahlindustrie zuzurechnen.

Der BRH hat ferner die Sorge, dass dauerhafte Subventionierungen notwendig sein werden, da die Marktfähigkeit von grünem Wasserstoff aktuell nicht gegeben ist. Der BRH geht davon aus, dass grüner Wasserstoff bis 2030 preislich nicht konkurrenzfähig sein wird. Gegenwärtig ist grüner Wasserstoff mindestens doppelt so teuer wie blauer Wasserstoff (auf Erdgasbasis mit CO₂-Abscheidung).

Dies trifft aus GES-Sicht zu: Aktuell liegen die Erzeugungskosten für grünen H2 in Deutschland bei etwa 250 €/MWh, für Pipeline-Erdgas dagegen bei ca. 55 €/MWh (incl. CO2-Kosten bei einem CO2-Preis von 80€/t). Unterstellt man einen weiteren Anstieg des CO2-Preises in der EU auf etwa 200 €/t CO2 bis 2035 und gleichzeitig die Abschaffung überteuerter EU-Regulierung für grünen H2 (Mehrkosten derzeit etwa 70 €/MWh), ergäbe sich eine deutliche Annäherung zwischen Erdgas und grünem H2 bis 2035. Zusätzliche Anreize für den Einsatz von grünem H2 wie gesetzliche Quoten (z.B. RFNBO-Quote, „Grüngas-Quote“ oder ähnliches) wären aber weiterhin erforderlich, um die Preisdifferenz auszugleichen.

Der BRH erwartet, dass sinkende Erdgaspreise, etwa durch eine höhere LNG-Verfügbarkeit, diese Kostenlücke weiter vergrößern und die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen gefährden könnte. Auch die Planung, Umsetzung und Finanzierung der Infrastruktur erscheinen angesichts des schleppenden Hochlaufs realitätsfern. Der BRH stellt dazu fest, dass u.a. der Aufbau des Wasserstoff-Kernnettes „zu ambitioniert“ sei. Die 2030 geplante Einspeiseleistung werde nicht benötigt, da die Ziele für inländische Erzeugung und den Import von Wasserstoff verfehlt würden.

Aus GES-Sicht sind hier mehrere Aspekte zu berücksichtigen:

  • Die Aufgabe eines „H2-ready“-Ausbaus bei einem Teil der geplanten Gaskraftwerke aus Kostengründen bremst in der Tat die Wasserstoffnachfrage und erhöht Investitionsrisiken für den Wasserstoff-Hochlauf. H2-ready Gaskraftwerke hätten als back-up-Kraftwerke wirtschaftlich in den nächsten 10 Jahren nur eine Chance, wenn Sie mit blauem Wasserstoff betrieben würden. Klimafreundlicher blauer Wasserstoff wurde in Deutschland allerdings von der ehemaligen Ampel-Regierung politisch nicht gewünscht.
  • Insbesondere die Stahlindustrie steht vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Pläne für „grünen Stahl“ werden daher aufgegeben, teilweise unter Verzicht auf milliardenschwere Subventionen. Der bisher unterstellte riesige H2-Bedarf für grünen Stahl wird so in den nächsten >10 Jahren nicht kommen.

Dies muss im kommenden integrierten Netzausbauplan für Strom, Wasserstoff und Erdgas korrigiert werden. Entsprechend angepasst muss auch der geplante Ausbau des Wasserstoff-Kernnetzes werden (bisher: 9000 km bis 2032). Dieses neue H2-Kernnetz soll neben Neubau von Pipelines auch zu mehr als 50 % durch eine Umwidmung bestehender Gasfernleitungen geschaffen werden. Die dafür vorgesehenen Gasfernleitungen würden für den Betrieb des verbleibenden Gasnetzes nicht benötigt.

Insgesamt ist die Gesamtplanung für die benötigte Einspeise- als auch Ausspeiseleistung der Netze und weiteren Infrastruktur auf jeden Fall grundlegend zu überarbeiten, sowohl zeitlich als auch wirtschaftlich.

Eine zusätzliche Erschwernis ist die uneinheitliche Wasserstoffstrategie innerhalb der EU – auch für die Planung in Deutschland. Regulatorische Vorgaben der Europäischen Kommission, wie die RFNBO-Kriterien der RED III, ignorieren weitgehend die Marktrealitäten, vor allem vor dem Hintergrund des internationalen Wettbewerbs und zunehmendem Protektionismus.

Eine Ausnahme stellt das aktuell in Überarbeitung befindliche nationale THG-Minderungsgesetz dar, das einen ständig steigenden Anteil von RFNBOs in Kraftstoffen bis 2040 vorschreiben wird und damit die Verwendung von grünem H2 (statt grauen H2) in der Kraftstoffproduktion erzwingt und somit auf regulatorischem Weg Nachfrage schafft.

Auch die deutsche Stromwende nach bisheriger Planung käme nicht ohne grünen Wasserstoff aus: Der fast ausschließliche Fokus auf Sonne und Wind in der Stromerzeugung erzwingt eine Lösung des saisonalen Stromspeicherproblem, zu dem auch die Speicherung und Rückverstromung von Wasserstoff benötigt wird.

Fazit

Ohne eine pragmatischere EU-Regulierung für grünen und blauen Wasserstoff, eine zeitlich gestreckte Planung eines schrittweisen, nachfrageorientierten Aufbaus des H2-Kernnetzes (eher bis etwa 2037 statt 2032) und gezielte, wirtschaftlich tragfähige Maßnahmen auf der Nachfrageseite drohen beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft hohe Kosten mit dem Risiko teurer Fehlinvestitionen und langfristiger Abhängigkeit von steuerfinanzierten Subventionen. Gleichzeitig würde die schon angeschlagene internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zusätzlich belastet.

Ganze Publikation als PDF herunterladen
Newsletter Form DE