Die im November 2025 vom ARD ausgestrahlte Dokumentation in Verbindung mit dem Spielfilm „Verschollen“ zeichnet ein Bild der brasilianischen Forstwirtschaft, das in seiner Pauschalität und Zuspitzung problematisch ist. Gezeigt werden Missstände im Umfeld der holzkohlebasierten Roheisen- und Stahlproduktion, die anschließend auf die gesamte brasilianische Forstwirtschaft übertragen werden. Dadurch entsteht ein Narrativ, das weniger auf analytischer Differenzierung beruht, sondern auf Skandalisierung abzielt.
Sollten die in der Dokumentation aufgeführten Probleme in der brasilianischen Forstwirtschaft existieren, müssen sie benannt werden. In dem Film spielt z. B. der Druck eines Forstplantagen-Unternehmens auf die lokale Bevölkerung eine zentrale Rolle. Journalistische Verantwortung endet jedoch nicht beim Aufdecken von Missständen – die sachgerechte Einordnung ist ebenso wichtig. Genau hier weist die ARD-Produktion erhebliche Defizite auf. Es wird nicht klar zwischen problematischer Forstwirtschaft einerseits und professionellen, zertifizierten und sozial verantwortungsvoll bewirtschafteten Forstplantagen andererseits unterschieden.
Der Beitrag negiert die Tatsache, dass die brasilianische Forstplantagenwirtschaft weltweit führend ist und seit Jahrzehnten nachhaltig Holz als Rohstoff sowohl für die Roheisen- und Stahlproduktion als auch für die Zellstoffindustrie bereitstellt. Dies geschieht nach international anerkannten Nachhaltigkeitsstandards und auf Grundlage eines in dieser Form weltweit einzigartigen brasilianischen ökologischen Regelsystems, auf das im Verlauf dieses Textes näher eingegangen wird.
Diese Auslassung ist keine journalistische Randnotiz, sondern zentral für die Wirkung der gesamten ARD-Dokumentation: Durch selektive Fallbeispiele entsteht der Eindruck eines durchweg kriminellen Sektors.
Die zeitliche und inhaltliche Einbettung der Dokumentation legt nahe, dass die Ausstrahlung durchaus gezielt war. Sie erfolgte in einer Phase, in der die internationale Staatengemeinschaft die Marktmechanismen des Pariser Klimaabkommens – insbesondere Artikel 6 – finalisiert hat. Diese Mechanismen ermöglichen es Ländern, durch Emissionsminderungen und CO₂-Senkenprojekte international zusammenzuarbeiten. Brasilien spielt dabei eine Schlüsselrolle, da es wie kaum ein anderes Land industrielle Nutzung, biologische CO₂-Bindung und großskalige Landnutzung miteinander verbindet.
Vor diesem Hintergrund erhält die mediale Darstellung eine politische Dimension. Die im Film transportierte Botschaft lautet implizit: Klimaschutzprojekte im globalen Süden seien grundsätzlich korruptionsanfällig, unkontrollierbar und moralisch fragwürdig. Damit wird nicht nur ein ganzer Industriezweig diskreditiert, sondern die Legitimität internationaler Klimakooperation insgesamt in Frage gestellt.
Problematisch ist dabei auch der kulturelle Subtext. Brasilien erscheint als strukturell rückständig, staatlich überfordert und industriell verantwortungslos. Demgegenüber wird ein unausgesprochenes europäisches Selbstbild der moralischen Überlegenheit reproduziert. Diese Gegenüberstellung knüpft an alte koloniale Deutungsmuster an: Definitionsmacht, Maßstäbe und Glaubwürdigkeit verbleiben im globalen Norden.
Eine solche Darstellung verkennt, dass ohne internationale Kooperationsmechanismen wie Artikel 6 weder Klimaschutz noch industrielle Transformation global skalierbar sind. Sie blendet zudem aus, dass fossile Produktionsweisen – insbesondere in der Stahlindustrie – weltweit ein Vielfaches der Emissionen verursachen, die durch forstbasierte Substitutionspfade vermieden werden können.
Wer Brasilien pauschal kriminalisiert, um internationale Klimamechanismen zu diskreditieren, betreibt keinen fairen Journalismus – sondern reproduziert koloniale Denkmuster unter ökologischem Deckmantel.
Von der medialen Zuspitzung zur systemischen Betrachtung
Gerade weil mediale Zuspitzungen eine hohe Reichweite entfalten, ist es notwendig, die Realität der brasilianischen Forstwirtschaft wahrheitsgemäß darzustellen. Eine solche Betrachtung beschränkt sich nicht auf einzelne Fallbeispiele, sondern analysiert Zusammenhänge zwischen Landnutzung, industrieller Wertschöpfung, Klimapolitik und sozialer Entwicklung.
Auf die in der ARD-Dokumentation gezeigten wissenschaftliche Studie der Hochschule Weihenstephan, die die Kohlenstoffspeicherung von natürlichen Ökosystemen mit der von Forstplantagen vergleicht, wird hier nicht weiter eingegangen, da der Vergleich nicht geeignet ist, die Klimawirkung von Plantagen zu beurteilen. Forstplantagen sind Teil eines bewirtschafteten Produktionszyklus und binden Kohlenstoff wiederholt über mehrere Umtriebsperioden hinweg – in Brasilien alle sechs bis sieben Jahre. Natürliche Ökosysteme haben ein stabiles Kohlenstoffgleichgewicht, bei dem keine zusätzliche Netto-Kohlenstoffbindung mehr erfolgt. Eine solche Gegenüberstellung verkennt daher grundlegende Unterschiede zwischen dynamischen Produktionssystemen und stabilen Ökosystemen und eignet sich nicht zur Bewertung der Klimawirkung forstlicher Nutzung.
Die folgende Darstellung basiert auf aktuellen Entwicklungen bis 2025 und ordnet die Forstplantagenwirtschaft in Brasilien als Bestandteil eines umfassenden Transformationsprozesses ein.
Forstplantagen in Brasilien – Landnutzung, Industrie und Klimaschutz
In der öffentlichen Debatte werden Forstplantagen häufig pauschal mit Waldzerstörung gleichgesetzt. Diese Sichtweise verkennt den grundlegenden Unterschied zwischen der Entwaldung natürlicher Ökosysteme und der nachhaltigen Bewirtschaftung von Forstplantagen auf bereits genutzten oder degradierten Flächen.
Im Jahr 2024 überschritt die Fläche der brasilianischen Forstplantagen erstmals 10,5 Millionen Hektar, was rund einem Prozent der Landesfläche entspricht. Gleichzeitig werden auf denselben Betriebsflächen mehr als sieben Millionen Hektar angepflanzter Naturwald dauerhaft geschützt. Diese Kombination aus intensiver Nutzung und verbindlichem Schutz ist international außergewöhnlich.
Die brasilianischen Forstplantagen entstehen heute nahezu ausschließlich auf degradierten Weideflächen außerhalb des Amazonasgebiets, hauptsächlich in den Bundesstaaten Minas Gerais, Mato Grosso do Sul, São Paulo, Paraná und Santa Catarina. Dort verfügt Brasilien über sehr große Landreserven in Form wenig produktiver Weideflächen, deren Umwandlung in produktive Forstsysteme eine Intensivierung der Landnutzung ermöglicht, ohne zusätzliche Naturflächen zu beanspruchen oder den Druck auf den Amazonas zu erhöhen.
Die außergewöhnlich hohe Produktivität, insbesondere von Eukalyptusplantagen, erlaubt es, industrielle Rohstoffbedarfe auf vergleichsweise kleiner Fläche zu decken. Gesetzlich vorgeschriebene Schutzflächen, Gewässerrandstreifen und Waldmosaiksysteme schaffen ökologische Korridore und führen in vielen Regionen zu einer höheren Biodiversität als auf den degradierten Weidelandschaften.
Industrielle Nutzung und Dekarbonisierung
Die industrielle Nachfrage nach Holz aus Forstplantagen konzentriert sich in Brasilien auf zwei Hauptsektoren: die Zellstoff- und Papierindustrie sowie die Eisen- und Stahlindustrie. Während die Bedeutung der Zellstoffindustrie international weithin anerkannt ist, wird die Rolle der Stahlindustrie als Holzabnehmer häufig unterschätzt.
Brasilien nutzt seit Jahrzehnten Holzkohle aus Forstplantagen als Energieträger und Reduktionsmittel in der Roheisen- und Stahlproduktion. Dadurch wird fossiler Koks ersetzt und der Einsatz biogenen Kohlenstoffs ermöglicht. Diese Praxis verschafft Brasilien einen strukturellen Vorteil bei der Reduktion industrieller Emissionen.
Die Klimawirkung der Forstplantagen ergibt sich aus mehreren Elementen: der Bindung von Kohlenstoff in schnell wachsender Biomasse, der Substitution fossiler Rohstoffe und der Dekarbonisierung energieintensiver Industrien. In dieser systemischen Betrachtung werden Forstplantagen zu einem zentralen Baustein naturbasierter Lösungen mit industrieller Hebelwirkung.
Soziale und regionale Dimension
Die Forstplantagenwirtschaft ist ein bedeutender Arbeitgeber in ländlichen Regionen Brasiliens. Sie schafft hunderttausende Arbeitsplätze in der Pflanzung, bei Pflege, Ernte und Verarbeitung und trägt zur wirtschaftlichen Stabilisierung strukturschwacher Regionen bei. Über Agroforstsysteme und Vertragsmodelle werden zudem Landwirte in regionale Wertschöpfungsketten integriert.
Schlussfolgerung
Die brasilianische Forstplantagenwirtschaft ist kein isolierter Sektor und kein Randphänomen, sondern Teil einer umfassenden Transformationsstrategie. Sie verbindet nachhaltige Landnutzung, industrielle Wertschöpfung und Klimaschutz in einer Weise, die international von hoher Relevanz ist.
Wer diese Zusammenhänge auf problematische Einzelfälle reduziert oder sie medial verzerrt darstellt, verkennt die Realität und erschwert globale Kooperation. Eine systemische Betrachtung ist deshalb Voraussetzung für eine sachliche Bewertung internationaler Klimamechanismen und industrieller Transformationspfade.

