Deutschland hat die kommerzielle Nutzung der Kernenergie beendet. Die Verantwortung für die vorhandenen abgebrannten Brennelemente und hochradioaktiven Abfälle bleibt jedoch über Generationen bestehen. Gegenwärtig lagern sie in Zwischenlagern; langfristig sollen sie ohne weitere stoffliche Nutzung in einem geologischen Tiefenlager eingeschlossen werden.
Ob dieser vor mehr als zwei Jahrzehnten festgelegte Entsorgungspfad angesichts deutlich verlängerter Zeiträume, internationaler Erfahrungen und neuer technologischer Möglichkeiten unverändert fortgeführt werden sollte, war Gegenstand der Veranstaltung „Wege aus dem Endlager-Dilemma – Alternative Strategien zur Entsorgung von Kernbrennstoffen“ am 20. Mai 2026 in Berlin. Global Energy Solutions e. V. und 4Pi Solutions e. V. hatten hierzu Vertreter einer internationalen Organisation sowie Experten aus Wissenschaft, Technik und Unternehmertum eingeladen.
Die Veranstaltung verband einen internationalen Überblick mit einer strategischen Einordnung des deutschen Entsorgungspfades und konkreten technologischen Entwicklungsansätzen. Die große Resonanz bei Teilnehmern und Veranstaltern führte von mehreren Seiten zu dem Wunsch, den Dialog im kommenden Jahr fortzusetzen.
Endlagerung bleibt notwendig – ist aber Teil eines Gesamtsystems
Soufiane Mekki von der OECD Nuclear Energy Agency eröffnete die fachlichen Beiträge mit einer internationalen Perspektive. Seine Kernbotschaft: Der sichere Umgang mit radioaktiven Abfällen ist technisch beherrschbar. Er erfordert jedoch einen langfristig angelegten Systemansatz, der Technik, Regulierung, Finanzierung, Wissensmanagement und gesellschaftliche Beteiligung miteinander verbindet.
Dabei muss zwischen unterschiedlichen Abfallarten unterschieden werden. Rund 90 Prozent des Volumens bestehen aus schwach- oder mittelradioaktiven Materialien, für die seit Jahrzehnten bewährte Entsorgungswege existieren. Die besondere Herausforderung liegt im wesentlich kleineren Anteil hochradioaktiver, wärmeentwickelnder Abfälle und abgebrannter Brennelemente. Für diese Stoffe bleibt die geologische Tiefenlagerung nach dem internationalen fachlichen Konsens unverzichtbar.
Wiederaufarbeitung, Recycling oder Transmutation können ein Endlager nicht vollständig ersetzen. Auch nach einer weitergehenden Nutzung verbleiben radioaktive Reststoffe. Die strategische Alternative lautet daher nicht „Endlager oder Recycling“. Vielmehr können Zwischenlagerung, Stofftrennung, weitere Nutzung und geologische Endlagerung zu unterschiedlichen Gesamtsystemen verbunden werden.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die verlängerte Zwischenlagerung. Weil Auswahl, Genehmigung und Bau eines Endlagers viele Jahrzehnte beanspruchen, wird aus einer ursprünglich vorübergehenden Lösung zunehmend eine eigenständige Generationenaufgabe. Behälteralterung, Transportfähigkeit, mögliche Umverpackungen, Genehmigungsverlängerungen und die Bewahrung von Fachwissen müssen frühzeitig vorbereitet werden.
Deutschland braucht einen strukturierten Prüfpfad
Dr.-Ing. Bernhard Leidinger richtete den Blick auf den deutschen Entsorgungspfad. Die direkte Endlagerung folgt einem nachvollziehbaren Sicherheitsgedanken: Je weniger Brennelemente transportiert, geöffnet oder chemisch behandelt werden, desto geringer sind zunächst die betrieblichen Risiken.
Diese Entscheidung hat jedoch Konsequenzen. Der weiterhin vorhandene Energiegehalt der Brennelemente bleibt ungenutzt, langlebige Radionuklide werden nicht gezielt abgetrennt oder umgewandelt. Die gesamte langfristige Sicherheitsaufgabe wird damit auf Zwischen- und Endlager übertragen.
Leidinger sprach deshalb von einem „Polylemma“: Sicherheit, geringe Handhabungsrisiken, Kosten, gesellschaftliche Akzeptanz, Verringerung der Langzeitbelastung, Rückholbarkeit und Ressourcennutzung stehen teilweise in einem Zielkonflikt. Keine Option erfüllt alle Anforderungen gleichzeitig.
Sein Vorschlag ist kein kurzfristiger Wechsel der Entsorgungsstrategie, sondern ein regelmäßig wiederkehrender Prüfprozess. Ein vierstufiges Referenzprogramm soll zunächst Inventar und Bewertungskriterien klären, anschließend Alternativ- und Technologiepfade untersuchen und schließlich eine Roadmap mit klaren Entscheidungspunkten entwickeln. Das Programm sollte politisch mandatiert, aber fachlich unabhängig organisiert werden. Nicht ein vorab definierter Konsens, sondern ein belastbares und transparentes Verfahren ist das Ziel.
Technologische Optionen: von Salzschmelzereaktoren bis zur Transmutation
Prof. Bruno Merk von der University of Liverpool stellte mit iMAGINE ein Konzept vor, das Energieerzeugung, Brennstoffkreislauf und Abfallbehandlung integriert. Ein schneller Salzschmelzereaktor soll abgebrannte Brennelemente als Ressource nutzen. Anders als bei der klassischen Wiederaufarbeitung würden nicht Uran und Plutonium aus dem System entfernt, sondern vor allem störende Spaltprodukte.
Dieses „Reverse Reprocessing“ könnte Transporte und separate Prozessschritte reduzieren und eine differenziertere Behandlung der verbleibenden Stoffe ermöglichen.
Merk betonte zugleich, dass iMAGINE noch keine industriell verfügbare Technologie ist. Modellierungen und erste Versuche müssen durch Nullleistungsversuche, integrierte Demonstratoren und später eine industrielle Demonstrationsanlage ergänzt werden. Für Deutschland ergibt sich daraus keine kurzfristige Alternative zum Endlager, wohl aber eine prüfenswerte langfristige Option.
Tobias Ravn Thomsen von Copenhagen Atomics präsentierte einen modularen Thorium-Salzschmelzereaktor. Ein standardisiertes Reaktormodul soll 100 Megawatt thermische Leistung liefern und sich mit weiteren Einheiten zu größeren Anlagen verbinden lassen. Im Mittelpunkt stehen industrielle Serienfertigung und die Bereitstellung von Hochtemperaturwärme.
Langfristiges Entwicklungsziel ist ein „Waste Burner“, der mit transuranen Elementen aus abgebrannten Brennelementen gestartet werden könnte. Copenhagen Atomics hat bereits Komponenten und nichtnukleare Prototypen entwickelt; ein nuklearer Testreaktor in der Schweiz ist als nächster Schritt vorgesehen. Werkstoffe, Brennstoffaufbereitung, Brutkreislauf, Genehmigung und Wirtschaftlichkeit müssen jedoch noch nachgewiesen werden.
Dr. Guido Houben von Transmutex stellte schließlich ein beschleunigergetriebenes, unterkritisches Transmutationssystem vor. Zunächst sollen abgebrannte Brennelemente elektrochemisch in unterschiedliche Stoffgruppen getrennt werden. Langlebige Aktiniden würden anschließend mit schnellen Neutronen behandelt.
Die Besonderheit des Systems liegt in seiner Unterkritikalität: Die Reaktion benötigt eine externe Neutronenquelle aus einem Teilchenbeschleuniger. Wird dieser abgeschaltet, kommt die Spaltungsreaktion nach Unternehmensangaben innerhalb von Millisekunden weitgehend zum Erliegen. Transmutex verfolgt das Ziel, Volumen und Langzeitwirkung der hochradioaktiven Reststoffe deutlich zu verringern. Diese Zielwerte beruhen bislang auf Modellrechnungen und müssen in einer integrierten Anlage bestätigt werden.
Parallel vorgehen statt vorschnell entscheiden
Die Veranstaltung zeigte keine einfache oder kurzfristig verfügbare Alternative zum deutschen Endlagerpfad. Die geologische Tiefenlagerung bleibt die technisch am weitesten entwickelte Lösung für die passive Langzeitsicherheit hochradioaktiver Reststoffe.
Gleichzeitig können Partitionierung, Recycling und Transmutation Menge, Wärmeentwicklung und Langzeiteigenschaften der einzulagernden Stoffe verändern. Einige Konzepte verbinden die Abfallbehandlung zudem mit Energieerzeugung, Prozesswärme oder der Gewinnung wertvoller Isotope.
Daraus ergibt sich ein sachgerechter Parallelansatz: Die sichere Zwischenlagerung und die Endlagersuche werden konsequent fortgeführt. Zugleich sollte ein politisch mandatiertes, fachlich unabhängiges Referenzprogramm alternative Technologien nach einheitlichen Kriterien untersuchen – darunter Sicherheit, technischer Reifegrad, Kosten, Zeitbedarf, Ressourceneffizienz, gesellschaftliche Akzeptanz und Auswirkungen auf die verbleibende Endlageraufgabe.
Die Berliner Veranstaltung hat gezeigt, dass ein offener Austausch zwischen internationaler Erfahrung, strategischer Bewertung und technischer Entwicklung möglich und notwendig ist. Technologieoffenheit bedeutet dabei weder, den bestehenden Pfad vorschnell infrage zu stellen, noch eine noch nicht nachgewiesene Technologie zur Lösung zu erklären. Sie bedeutet, Alternativen rechtzeitig zu prüfen und irreversible Entscheidungen auf möglichst belastbare Fakten zu stützen.
Die einzelnen Vorträge werden schrittweise auf dem YouTube-Kanal von 4Pi Solutions veröffentlicht. Global Energy Solutions und 4Pi Solutions wollen den begonnenen Dialog fortsetzen.

